Politik : TV-Diplomatie

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Sprache der Diplomaten ist bekanntlich ziemlich vorsichtig: Da treffen sich Minister zu nützlichen Begegnungen in freundschaftlicher Atmosphäre und sind vor den Kameras auch dann ungemein höflich zueinander, wenn sie sich hinter geschlossenen Türen gerade angeschrien haben. Umso spannender wird es, wenn plötzlich hinter dem Schleier der Unverbindlichkeit einmal die Wirklichkeit hervorblitzt. Den Dänen hat eine TV-Dokumentation nun einen Einblick in den ungeschminkten Alltag ihrer Regierung verschafft – und dabei den deutschen Außenminister in Verlegenheit gebracht. Denn Joschka Fischers dänischer Kollege Per Stig Moller erzählte vor laufender Kamera seinem Regierungschef, „Joschka“ habe ihm gesagt, die Türkei könne „niemals“ EU-Mitglied werden. Prompt dementierte das Auswärtige Amt: Der Däne müsse einiges missverstanden haben. Und in der Türkei, wo die Sendung für Aufsehen sorgte, beruhigte Außenminister Abdullah Gül die Gemüter mit der Versicherung, er habe selbst erlebt, wie Fischer in der EU für die Aufnahme seines Landes gekämpft habe. Was also stimmt? Führt der Hausherr im Auswärtigen Amt die Türken nur an der Nase herum, um sie zu Reformen zu drängen? Diesmal fiel ihm das Dementi leicht, weil nicht Fischers O-Ton, sondern nur die Behauptung des dänischen Ministers zu hören war. Die Bundesregierung könnte künftig leicht Zweifel an offiziellen Erklärungen ihrer Minister ausräumen, wenn sie TV-Dokumentationen aus den Hinterzimmern der Macht zulassen würde. Das wäre spannender als ein Krimi. Und würde die internationale Diplomatie nachhaltig verändern. In freundschaftlicher und nützlicher Atmosphäre natürlich.

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