TV-Duelle : "Obama muss volkstümlicher auftreten"

Mit Spannung haben Wähler und Journalisten das erste Fernsehduell zwischen John McCain und Barack Obama erwartet. Der Amerika-Experte Hans J. Kleinsteuber hat im tagesspiegel.de-Interview aber eine enttäuschende Erkenntnis für die Kandidaten.

Kleinsteuber
Der Politologe und Amerika-Fachmann Hans J. Kleinsteuber. -Foto: privat

Herr Kleinsteuber, wie wichtig sind Fernsehduelle im US-Wahlkampf noch?



In den USA spricht man von "TV debates", das ist nicht ganz unwichtig, weil sie weniger offensiv, weniger konfrontativ verlaufen als bei uns. Es sind tatsächlich eher Debatten mit verteilten Rollen. Normalerweise werden diese Fernsehdebatten in der aufgeregten Wahlkampfberichterstattung überschätzt. Aus Forschungsergebnissen weiß man, dass sie kurzfristig durchaus Ausschläge erzeugen können, wenn also jemand zum Sieger erklärt worden ist. Aber da sie deutlich vor der Wahl liegen, sieht es dann doch so aus, dass sich das normalerweise wieder einpendelt, sodass sie eigentlich zum Zeitpunkt der Wahlentscheidung keine große Rolle spielen.

Die Debatten sorgen also ein bisschen für den "Spin" während des Wahlkampfs?

Auf jeden Fall. Die sogenannten Spin Doctors, die im Wahlkampfteam eine wichtige Rolle spielen, die sollen sich ja Stichworte oder Erzählungen ausdenken, mit denen der eigene Kandidat punktet. Und ein Ort, an dem diese Botschaften ausgesendet werden, sind sicherlich die Fernsehdebatten. Vielfach sagen die Wissenschaftler außerdem: Man muss auch im nachfolgenden Gespräch, dass die Journalisten führen, zum Sieger erklärt werden. In dem riesigen Medienecho unmittelbar nach den Debatten muss ein Kandidat gut aussehen, um bei den Wählern anzukommen.

Wenn ich ansehe, welchen Stellenwert das Internet bei den Kandidaten hat, was ist wichtiger - Online-Wahlkampf oder Fernsehdebatten?

Die beiden Dinge kann man schwer miteinander vergleichen. Das Internet ist bei der jungen Generation ein zentrales Wahlkampfmedium geworden, weil sie mit diesem Medium herumspielen können. Wenn man die erreichen will, setzt man einen Schwerpunkt im Internet. Die Fernsehdebatten gehen an ein anderes Publikum, an die ältere Generation. Wahlkampfmanager wollen diese Plattformen auch unterschiedlich bedienen. Denn dahinter stehen verschiedene Zielgruppen.

Welche Zielgruppe ist wichtiger für den Wahlausgang?

Wahlkampfmanager wollen natürlich möglichst viele Zielgruppen erreichen. Bei der Internet-Zielgruppe, also den jungen Leuten unter 35, ist das Besondere, dass dort eine erhebliche Wahl-Apathie herrschte. Man hofft jetzt zum Beispiel bei Obama, der sehr stark auf Junge und das Internet setzt, dass man damit tatsächlich auch Nichtwähler an die Urne holt. Die meisten derer, die sich die Fernsehdebatten anschauen, wissen eigentlich schon vorher, wen sie wählen wollen. Die wollen sich nur darin bestätigt fühlen, dass ihr Kandidat das auch in einer Debatte gut hinkriegt.

Was müssen die Kandidaten in den Fernsehdebatten beachten?

Da ist erstens mal der allgemeine Auftritt, sie müssen sympathisch im Bildmedium Fernsehen herüberkommen. Und sie müssen glaubwürdig aussehen. 1960, bei der allerersten Fernsehdebatte, legte Richard Nixon wenig Wert aufs Äußere. Im Fernsehen kam er deutlich schlechter weg als John F. Kennedy. Dagegen beurteilten Amerikaner, die das Ganze im Radio mitverfolgten, beide Kandidaten gleich gut. Mit anderen Worten: Es war vor allem der visuelle Eindruck, der Nixon heruntergezogen hat.

1960: Ausschnitt aus der historischen TV-Debatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon.

Inhaltlich müssen Kandidaten kurz, prägnant und unmittelbar verständlich argumentieren. Und sie müssen staatsmännisch auftreten. Was in den USA auch sehr wichtig ist: Man muss mit dem Gegner vorsichtig umgehen. Wir in Deutschland haben eher eine Kultur von aggressiver Diskussion, drüben in den USA stellt man vor allem sich selbst positiv dar.

Obama läuft Gefahr, zu abgehoben herüberzukommen. Wähler wollen ja auch emotional angesprochen werden. Ist das ein Problem? Manche in den USA führen an, dass er zu elitär, zu dünkelhaft erscheint und McCain sich im Vergleich sehr viel handfester, sehr viel näher an den Problemen der Menschen darstellt. Man sagt auch, bei Obama sei alles zu glatt, er ist zwar Afroamerikaner aus einfachen Verhältnissen, aber sein ganzes Leben ist eine große Erfolgsgeschichte - McCain habe einfach mehr Narben, mehr Brüche in seinem Leben, die ihn bei erheblichen Wählerschaften sympathischer erscheinen lassen könnten.

Obama muss sehen, dass er volkstümlicher auftritt. Dass er sich argumentativ schlichter darstellt, dass er auch für einfache Leute verständlich und weniger arrogant daherkommt. Seine Demokratische Partei hat traditionell auch die Wählerschaft der einfachen, schlecht verdienenden weißen Arbeiter. Bei "Joe Sixpack" sieht er im Moment gar nicht gut aus.

Was wird Obama konkret tun - zum Beispiel Babys drücken?

Solche Dinge kann er eigentlich ganz gut, er inszeniert sich ja auch zusammen mit seiner Familie, da hat er gute Voraussetzungen. Ich denke, er muss seinen rhetorisch geschliffenen Stil etwas vergröbern, und muss kurze, eher boulevardeske Formen finden, mit denen er seine Programmatik und seine Zielsetzungen im Wahlkampf verbreitet. Da gibt es eindeutige Defizite.

Wenn wir zum Abschluss kurz nach Deutschland blicken: Wie haben TV-Debatten den hiesigen Wahlkampf verändert?

Ich glaube nicht, dass sie ihn massiv verändert haben. Auch unsere Fernsehduelle sind der Ort, an dem man sich kompakt und schnell informieren kann: Was will der Schröder, was will der Stoiber beziehungsweise später die Frau Merkel? Auch bei uns gilt: Etwa ein Viertel der Zuschauer interessiert sich für diese Debatten und schaut zu. Ebenso gilt bei uns, dass die Diskussion der beiden Kontrahenten in den Medien eine große Rolle spielt. Auch in Deutschland haben Wissenschaftler festgestellt, dass die Duelle das Wahlergebnis wenig verändert haben. Anhand der ständigen Meinungsumfragen sieht man: Spätestens zwei Wochen nach der Debatte ist es wieder da, wo es vorher stand.

Noch eins: 2005 sagte jeder vor der Debatte von Gerhard Schröder und Angela Merkel: "Der fernsehgewiefte Schröder wird die Merkel da völlig unterbuttern." Tatsache ist, dass Frau Merkel in einer einfacheren, biederen, aber viele auch überzeugenderen Art aufgetreten ist. Es war keineswegs einer der Sieger, sondern die jeweiligen Wähler fühlten sich bestätigt, dass das die richtige Person für sie ist.

Zur Person: Hans J. Kleinsteuber ist Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg. Seine Schwerpunkte sind Journalismus, Medienpolitik und politische Kommunikation im internationalen Vergleich.

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