TV-Kritik : "Der Olympia-Boykott ist zu radikal"

Für die Tibeter ist er der "Gott in Menschengestalt" – für Chinas Führung nur ein aufrührerischer "Wolf in Mönchskutte", der zu den blutigen Unruhen in seiner Heimat angestiftet hat. Jetzt ist der berühmteste Kuttenträger der Welt wieder einmal auf Deutschland-Tournee. Während sich die deutsche Politik darüber streitet, ob man dem Dalai Lama die Hand schütteln darf, nimmt der Friedensnobelpreisträger bei Talk-Lady Maybrit Illner Platz.

Jan Müller
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Lahmer Dalai? In der Talkshow von Maybritt Illner gibt sich das tibetische Oberhaupt gewohnt versöhnlich. -Foto: dpa

BerlinBei seinem letzen Besuch in einer deutschen Talkshow, im Juni 2005 bei ARD-Moderator Reinhold Beckmann, durfte der "Ozean der Weisheit" noch über seine frühmorgendlichen Meditationsübungen sinnieren - und über die durchaus nicht unspannende ethische Frage, ob er als Buddhist lästige Mücken erschlagen dürfe.

Knapp drei Jahre später steht der Besuch des Dalai Lama unter einem völlig anderen Stern: Seit Ausbruch der blutigen Unruhen in Tibet prangert die Weltöffentlichkeit die Menschenrechtspolitik der neuen Supermacht China an und diskutiert offen über einen möglichen Olympia-Boykott. Die chinesische Führung wittert derweil eine Verschwörung, wirft westlichen Medien Propaganda vor und bezichtigt den Dalai Lama aus separatistischem Interesse mutwillig am Glanz der olympischen Ringe zu kratzen.

Dieses Mal sitzt der Dalai Lama also nicht als Pop-Ikone und Heilsbringer für esoterische Freizeit-Buddhisten im deutschen Fernsehen, sondern als Figur der Weltpolitik. Doch selbst in dieser Rolle gibt sich der 72-jährige so, wie es auch seine spirituellen Anhänger von ihm erwarten: Im Interview mit Maybrit Illner spricht er von Gewaltlosigkeit, Toleranz und Transparenz. "Ein Olympia-Boykott ist zu radikal", sagt der Dalai Lama. "Ich unterstütze voll und ganz, dass China Gastgeber der Olympischen Spiele sein soll". Und: "China verdient es, dass sie Gastgeber sind. Man sollte hingehen, aus Hochachtung vor dem chinesischen Volk."

Die Weltgemeinschaft müsse China unterstützen und integrieren, nicht isolieren. Selbst die Tatsache, dass das ZDF offenbar die – dem Höreindruck nach – Synchronstimme von Jedi-Meister Yoda als Dolmetscher für den Dalai Lama engagiert hat, und Gastgeberin Maybrit Illner dem tibetischen Gast kontinuierlich ebenso unkritisch wie anhimmelnd zunickt, rüttelt nur wenig an der Glaubwürdigkeit des Friedensnobelpreisträgers.

Das Dilemma der deutschen Politiker

Sogar für das muntere Doppelspiel der deutschen Politik, die während der Aufzeichnung von Illners Gespräch am Nachmittag noch eifrig darüber streitet, wer wann und wo das tibetische Oberhaupt treffen sollte oder nicht, hat der Dalai Lama verständnisvolle Worte: Einige "führende Persönlichkeiten" fänden es wohl "etwas unbequem", mit ihm zu sprechen. "Aber das ist durchaus in Ordnung", sagt er. "Die Solidarität des deutschen Volkes mit Tibet wird von uns sehr geschätzt."

Das Dilemma der deutschen Politiker: Wer sich mit dem Dalai Lama trifft, riskiert den Zorn Pekings auf sich zu ziehen – wer sich hingegen nicht mit ihm trifft, muss sich vorwerfen lassen, aus Angst vor der Wut der Supermacht China auf die Menschenrechte zu pfeifen. Außenminister und SPD-Vize Frank Walter-Steinmeier musste aus terminlichen Gründen absagen – und steckte dafür harsche Kritik vom Koalitionspartner ein.

Nach dem letzten Empfang des Dalai Lamas durch Kanzlerin Angela Merkel im vergangenen September kühlte das deutsch-chinesische Verhältnis deutlich ab: Bilaterale Treffen auf höchster Ebene - darunter auch der Menschenrechtsdialog - wurden von Peking abgesagt, Finanzminister Peer Steinbrück sogar ausgeladen.

Vor allem der Bundesverband der deutschen Industrie kritisierte damals Merkel scharf. Die deutschen Exporte nach China haben sich in den letzten Jahren verdreifacht – für Konzerne wie den Wolfsburger Autobauer VW ist das Milliardenreich mittlerweile schon der wichtigste Absatzmarkt.

"Das ständige Küssen chinesischer Hintern ist unerträglich"

Ihre abendliche Talkrunde – in der auch das aufgezeichnete Gespräch mit dem Dalai Lama eingespielt wird – eröffnet Maybrit Illner deshalb auch mit der brisanten Frage, ob es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Menschenrechten und Wirtschaftsinteressen gibt.

Dieser Konflikt spielt sich während der Sendung dann vor allem auf dem Rücken von Ex-VW-Manager Martin Posth ("Der Westen muss sich davon verabschieden, zu definieren was Menschenrechte sind") ab. Posths Plädoyer dafür, China im Sinne wirtschaftlicher Interessen möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen, bringt die gesamte restliche Gesprächsrunde auf die Barrikaden. Vor allem Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und alles andere als ein erklärter Wirtschaftsgegner, sträubt sich: Chinas wirtschaftliches Potenzial "macht uns nicht erpressbar. Wirtschaftsbeziehungen sind keine Einbahnstraße", sagt er. "Wir haben nicht das Recht zu schweigen, wenn Menschen unterdrückt werden". Seine These: Langfristige Wirtschaftsbeziehungen können und müssen mit der Wahrung der Menschenrechte einhergehen.

Auch Michael Vesper, Grünen-Gründungsmitglied und Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, liegt - abseits des obligatorischen parteipolitischen Geplänkels - voll auf Röttgens Linie. Er ist sich sicher, dass vor allem die Aufmerksamkeit auf die Olympischen Spiele China in punkto Menschenrechten einige Verbesserungen bringen wird. Die Vergabe der Spiele sei zwar ein Risiko gewesen - aber auch eine Chance. "Allein die Tatsache, dass 25.000 Journalisten einreisen, um frei zu berichten, wird eine Öffnung herbeiführen", sagt Vesper, gibt aber auch zu bedenken: "Menschenrechte kann man nicht mit dem Lichtschalter anknipsen".

Dem vierten Talkshow-Gast bei Maybrit Illner wird das Ganze schließlich zu bunt: Schauspieler und Tibet-Freund Hannes Jaenicke ist demonstrativ mit einem T-Shirt von "Reporter ohne Grenzen", das die olympischen Ringe in Form von Handschellen zeigt, ins Studio gekommen. Vage Hoffnungen auf baldige Verbesserungen reichen ihm nicht - immer wieder bringt er die Sprache auf chinesische Todesurteile, blühenden Organhandel oder das Elend tibetischer Flüchtlingskinder, die er bei Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm in Nordindien selbst auf ihrem Fußmarsch über den Himalaya erlebt hat. Seine Forderung: Ein Fernsehboykott der Olympischen Spiele. "Ich schäme mich für dieses ständige Küssen chinesischer Hintern. Ich find’s unerträglich."

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