U-Bahn-Schläger-Prozess : „Auf sittlich niedrigster Stufe“

Die Richter in München gestehen den U-Bahn-Schlägern keine mildernden Umstände zu. Die Entschuldigungen und Erklärungsversuche der beiden Täter machten auf das Gericht ebensowenig Eindruck wie auf das Opfer ihres heimtückischen Überfalls.

Mirko Weber[München]

Aus der Untersuchungshaft in Stadelheim hat der in Deutschland geborene Türke und jetzt zu zwölf Jahren Haft verurteilte Serkan A. einen Brief an seine Schwester geschrieben. Er wurde am vierten Tag der Verhandlung vor der Jugendstrafkammer am Landgericht München I vorgelesen, wo sich Serkan A. und sein Freund Spyridon L. wegen versuchten Mordes an einem 76-jährigen Rentner verantworten mussten. In dem Brief stand unter anderem: „Das alles wird auch vergehen, Schwester, ich habe noch große Ziele, ich will arbeiten und da sein für meine Familie.“ Serkan A. ist nach seiner Festnahme im letzten Dezember Vater einer Tochter geworden. Während der Verhandlung durfte er sie einmal kurz in den Arm nehmen.

Auch ein anderer Brief wurde zitiert. Absender war der zur Tatzeit noch minderjährige, in Griechenland geborene Spyridon L., der dem Opfer kurz vor Weihnachten und nach einer verbalen Auseinandersetzung im Abteil in der U-Bahn-Station Arabellapark mehrere gezielte Fußtritte versetzt hatte, nachdem der ehemalige Schulleiter ihm gegenüber zuvor den lakonischen Satz geäußert hatte: „In der U-Bahn wird nicht geraucht.“ Daraufhin war er von Spyridon L. zunächst bespuckt und als „Scheiß-Deutscher“, „Arschloch“ und „Schwein“ beschimpft worden. Bruno N. wollte einer weiteren Auseinandersetzung ausweichen, setzte sich woanders hin und blieb ruhig, wurde jedoch auf dem Weg zum Ausgang, nachdem ihn die Täter „heimtückisch“ (Richter Reinhold Baier) von hinten niedergestoßen hatten, lange malträtiert und schließlich noch seines Rucksacks beraubt. Spyridon L. schrieb: „Lieber Herr N.! Ich hatte die Kontrolle über mich selbst verloren. Wenn ein anderer an ihrer Stelle gestanden hätte, wäre ihm dasselbe passiert. Ich bete jeden Tag, dass Sie nicht sterben oder behindert bleiben …“.

Bruno N. hat, wundersamerweise, wie der Gerichtsmediziner befand, seine lebensgefährlichen Verletzungen überlebt. Geblieben sind ihm ständige Schwindelgefühle und Konzentrationsschwächen, außerdem ist seine Lesefähigkeit eingeschränkt. Die Entschuldigungen der beiden jungen Männer akzeptierte er nicht.

Auch auf das Gericht können sie keinen großen Eindruck gemacht haben, denn der Richter Baier tat nach der der Verkündigung des Urteils (zwölf Jahre für Serkan A. und achteinhalb Jahre Jugendstrafe für Spyridon L. wegen versuchten Mordes) nicht den geringsten Rucker, um sich vielleicht noch einmal auf die Verurteilten zuzubewegen. Er zeigte ihnen auch nicht die kleinste Perspektive auf, wie ihr Leben womöglich doch noch einmal in einigermaßen geordnete Bahnen münden könne. Dann wurde die Verhandlung geschlossen.

Die CSU-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Uhl und Stephan Mayer äußerten umgehend die Erwartung, dass der Türke und der Grieche demnächst ausgewiesen würden – was die zunächst zuständige Münchner Kreisverwaltung jedoch mit dem Hinweis kommentierte, dass das so ganz einfach nicht sei, zumal die Urteile noch nicht rechtskräftig sind. Und die Verteidiger kündigten Berufung an. Für Uhl und Meyer ist klar, dass es sich um „deutschfeindliche Kriminelle“ handele. Es hätte allerdings ein einziger Tag der Anwesenheit bei diesem Münchner Prozess genügt um herauszufinden, dass es sich, wie Richter Baier sagte, zwar um eine „völlig sinnlose Tat auf sittlich niedrigster Stufe“ gehandelt hat, die „gezielt und kaltblütig ausgeführt wurde“, aber eben nicht um genuin deutschenfeindliche Kriminalität. Auf dieses Argumentationsniveau heruntergezogen hatte die Angelegenheit nach der Tat der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der damals im Wahlkampf stand.

Von einem „Ausraster“ zweier Betrunkener wollte das Gericht aber auch nichts wissen. Dazu prügelten Serkan A. und Spyridon L. zu zielsicher auf ihr Opfer ein. Die jungen Männer hatten in ihrem Leben wenig anderes gelernt als Gewalt. Der eine wird regelmäßig von seinem Vater grün und blau geschlagen, der andere terrorisiert seine Angehörigen. Ihre Existenz besteht aus jahrelangem „planlosen Dahinleben“ (Richter Baier). Der Bewährungshelfer von Serkan A. hat vor Gericht bekannt, dass er dem bereits mehrfach vorbestraften jungen Mann gegenüber „hilflos“ gewesen sei: „Ich hörte seine Schwüre, aber es waren alles nur Worte.“

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