Politik : U-Boot-Drama: Russlands Verteidigungsminister in der Kritik

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Nach der U-Boot-Katastrophe in der Barentssee verschärft sich die Kritik an den Militärs und dem russischen Verteidigungsminister Igor Sergejew. Der Gouverneur der zentralrussischen Region Kursk, Alexander Ruzkoj, erhob schwere Vorwürfe gegen die Militärführung. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" warf er Verteidigungsminister Igor Sergejew und Flottenchef, Admiral Wladimir Kurojedow, vor, Präsident Wladimir Putin "belogen, ausgetrickst und vor der gesamten Welt entehrt" zu haben.

Kurojedow und Sergejew hätten dem Präsidenten frühzeitig berichten müssen, dass man selbst keine Rettungsmittel für große Tiefen besitze und ihm raten müssen, sich an das Ausland zu wenden, sagte Ruzkoj. Der Ex-General Ruzkoj, der einmal Stellvertreter von Präsident Boris Jelzin war und später gegen ihn putschte, äußerte die Vermutung, dass der fehlgeschlagene Test eines neuartigen Torpedos Ursache der Katastrophe war.

Putin hat Rücktrittsangebote der Militärspitze bislang abgelehnt. In russischen Medien wird aber seit Tagen über eine baldige Ablösung des Verteidigungsministers spekuliert. Den Berichte zufolge wolle sich Putin von seinem impulsiven Vorgänger Boris Jelzin abheben, der in Krisensituation stets mit spontanen Rauswürfen reagiert hatte. Die Entlassung Sergejews, der sich seit Monaten mit seinem Generalstabschef öffentlich über unterschiedliche Konzepte zur Armeereform streitet, werde daher "mit zeitlicher Verzögerung" erfolgen.

Unterdessen hat die norwegisch-britische Spezialfirma Stolt Offshore in Stavanger den russischen Auftrag zur Bergung der Leichen aus dem Wrack angenommen. Der Firmenchef Julian Thomson plädierte für eine Hebung des gesamten Wracks der 155 Meter langen "Kursk" aus 100 Meter Tiefe. An den Plänen werde noch gearbeitet, sagte er.

Während die russische Militärstaatsanwaltschaft in Richtung einer Kollision mit einem fremden U-Boot ermittelt, schlossen norwegische Experten eine gewaltige Gasexplosion in der "Kursk" nicht aus. Bislang haben die Russen keine Aufnahmen von dem zerstörten Bug der "Kursk" veröffentlicht, die zur Klärung beitragen könnten.

Vizeadmiral Einar Skorgen, Leiter der Rettungsaktion der Norweger, vermutet, eine "gewaltige Gasexplosion" habe den Rumpf des U-Bootes zerrissen. Der frühere Atom-U-Boot-Kommandant Alexej Gussew, der 1983 mit einem U-Boot gesunken war, meinte indes, das Unglück sei auf einen typischen Manöverunfall zurückzuführen. Wahrscheinlich habe die "Kursk" einen Übungstorpedo abgeschossen und sei diesem dann gefolgt. Gleichzeitig habe auch ein Marineschiff den Torpedo verfolgt. Vermutlich habe die "Kursk" aus Versehen das Schiff gerammt, sagte Gussew der russischen Zeitung "Sewodnja".

Unterdessen hat Großbritannien den Staaten der ehemaligen Sowjetunion finanzielle Hilfe für den Umgang mit Atommaterial zugesagt. Die britische Regierung teilte am Sonntag mit, sie stelle hierfür umgerechnet 255 Millionen Mark zur Verfügung.

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