Politik : U-Boot gesunken: Gefangen in eisigen Fluten

Elke Windisch

Die Falle schnappte urplötzlich zu: Beim Torpedo-Schießen verklemmte sich die Luke. In Bruchteilen von Sekunden steht der gesamte Bugraum der "Kursk" unter Wasser. Geistesgegenwärtig reißt einer der Offiziere den Betriebsschalter des Kernreaktors herum, um eine Explosion zu verhindern. Für die Besatzung möglicherweise das Todesurteil: Die Restenergie reicht nicht zum Auftauchen an die Wasseroberfläche. Der Kapitän gibt Befehl zum Abtauchen. Minuten später erreicht die "Kursk" den Meeresgrund. Gefangen in den eisigen Fluten der Barentssee, die an dieser Stelle über hundert Meter tief ist, warten rund 120 russische Matrosen und Offiziere auf Rettung.

Das Unglück ereignete sich bereits am Sonntag. Die Öffentlichkeit erfuhr jedoch erst Montag früh davon. Presseoffiziere der russischen Nordmeerflotte, die seit Ende letzter Woche große Manöver vor der Halbinsel Kola durchführt, sagten Reportern des russischen Privatsenders NTW, der Funkkontakt zu dem verunglückten U-Boot sei am Sonntagmorgen für über zwei Stunden abgerissen, so dass zunächst nicht einmal die Unfallstelle genau bekannt war.

Da der Reaktor deaktiviert wurde, besteht nach Meinung von Experten keine akute Gefahr für die Umwelt. Allerdings sind durch den Stromausfall alle Bordsysteme lahmgelegt, so dass akuter Sauerstoffmangel eintreten kann. Zur Rettung der "Kursk" sind bereits drei weitere U-Boote und fünf Kampfschiffe an der Unfallstelle eingetroffen. Auf einem davon befindet sich der Oberkommandierende der Nordmeerflotte, Admiral Wjatscheslaw Popow, der die Rettungsoperation leitet.

Die "Kursk" wurde 1994 und damit bereits nach dem Ende der Union gebaut. Sie gilt als eines der modernsten und mit 14 000 Tonnen Wasserverdrängung auch als eines der größten russischen U-Boote. Dieser Typ, nach Nato-Klassifizierung "Oscar-2", ist mit zwei Kernreaktoren ausgerüstet und kann bis zu vier Monate unter Wasser bleiben. Die Entwicklungsarbeiten zu dieser Serie begannen bereits in den siebziger Jahren. Anfang der Achtziger wurde der Prototyp der neuen Serie auf Kiel gelegt.

Boote der Oscar-Klasse sorgten in westlichen Medien wiederholt für Schlagzeilen, weil sie, unerkannt vom gegnerischen Radar, bereits mehrfach auftauchten, wo die Nato sie nie vermutet hätte. Zur Standardbewaffnung dieser Boote gehören 24 Flügelraketen. Mit genau dieser Anzahl sowie mehreren Torpedos war auch die "Kursk" in See gestochen. Allerdings ohne atomare Sprengköpfe. Zur Standardbesatzung gehören 107 Mann, 52 davon sind Offiziere.

Die letzte größere Katastrophe eines Atom-U-Bootes ereignete sich 1989, als die "Komsomolez" in der Norwegen-See vor Spitzbergen havarierte. Zwar bescheinigen sogar Nato-Quellen der Nordmeerflotte eine relativ geringe Unfallquote, kleinere Havarien, die bereits zu erheblicher atomarer Verseuchung von Barents- und Karasee geführt haben, sind nach Meinung von Experten der norwegischen Umweltorganisation "Belluna" jedoch an der Tagesordnung. Laut "Belluna" liegt die Schuld dafür nicht bei den Mannschaften, sondern bei den Herstellern. Die sollen den Besatzungen bereits mehrfach mehrseitige Mängellisten übergeben haben, die bei laufendem Betrieb abgearbeitet werden mussten. Alexander Nikitin, ein ehemaliger Offizier der Nordmeerflotte, der für "Belluna" als Berater arbeitet, hatte dies und die Umweltschäden öffentlich angeprangert und musste sich für den angeblichen "Verrat von Staatsgeheimnissen" im letzten Jahr sogar vor Gericht verantworten. Er wurde zunächst frei gesprochen, doch das Verfahren wird gegenwärtig neu aufgerollt.

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