Politik : U-Boot-Unglück: Die Angst vor der "HMS Tireless"

Ralph Schulze

Was Geschah Am 12 Mai dieses Jahres in dem britischen Atom-U-Boot "Tireless"? An diesem Tag mußte die "HMS Tireless", die gerade im Mittelmeer zwischen Sizilien und Afrika in geheimer Mission unterwegs war, ihren Nuklearreaktor nach einem Unfall im Kühlsystem abschalten. Mit letzter Kraft erreichte die "Tireless" am 19. Mai den englischen Militärhafen in Gibraltar an der Südspitze der spanischen Halbinsel. Seitdem liegt das havarierte Unterseeboot im Hafen der britischen Kronkolonie und schürt die Angst auf dem Affenfelsen wie an der Mittelmeerküste Spaniens vor einer atomaren Verseuchung.

Die Militärs verhängten strengste Geheimhaltung über die Einzelheiten des Atomunfalls. Statt Informationen erhielt die Öffentlichkeit die in solchen Fällen üblichen Beruhigungspillen. Der Störfall auf der "Tireless" sei völlig harmlos, hieß es. "In keinem Moment bestand die Gefahr einer Kontaminierung von Personen oder der Umwelt." Doch seit dem Untergang des russischen Nuklear-U-Bootes "Kursk" im Eismeer, der von einer haarsträubenden Desinformationspolitik Moskaus begleitet wurde, laufen alle Beschwichtigungsversuche der Royal Navy ins Leere. Politiker, Bevölkerung und Ökologen in Südspanien und Gibraltar fordern nun klare Antworten.

"Diese beiden Fälle beweisen, dass man den Regierungen nur sehr wenig vertrauen kann", meint der spanische Greenpeace-Sprecher Ricardo Aguilar. "Erst sagten sie uns, dass es keine Probleme gebe, dann heißt es, es sei Kühlwasser ausgetreten." Vieles spricht dafür, dass es sich um radioaktiv verseuchtes Wasser aus jenem Kühlkreislauf handelt, der direkt die atomaren Brennstäbe umgibt - auch wenn dies nicht bestätigt ist. Inoffiziellen Abgaben zufolge mussten im Zuge der Notabschaltung die Brennstäbe aus dem Reaktor geholt werden, um eine Überhitzung und damit eine Katastrophe zu vermeiden. Unklar ist bis heute, ob verstrahlte Flüssigkeit ins Meer gelangte, Teile des Schiffes verseuchte oder innerhalb des Reaktorabteils aufgefangen wurde.

Sicher scheint nur, dass das Kühlleck im Reaktor noch immer nicht geflickt werden konnte und dass die Reparatur höchst schwierig ist: Ursprünglich wollte die Navy das havarierte Atom-U-Boot noch im Mai nach Großbritannien schleppen, um es in einem für Nuklearschiffe ausgerüsteten Spezialdock zu reparieren. Davon ist nun, nach genauer Begutachtung des Schadens, nicht mehr die Rede. Vermutlich, wie zivile Fachleute annehmen, weil der Transport über den Atlantik Sicherheitsprobleme aufwerfen könnte. Nun sollen Atomtechniker versuchen, das Leck vor Ort zu stopfen - und dies, obwohl die Militärbasis auf Gibraltar für derlei heikle Reparaturen nicht ausgestattet ist.

"Gibraltar verfügt nicht über die notwendige Infrastruktur für eine solche Aktion", protestieren denn auch die beiden spanischen Nachbarstädte La Linea und Algeciras heftig. Der Abfluss von radioaktiv verseuchtem Wasser während der Reparatur könne an der spanischen Südküste, vor allem der Costa del Sol, eine Katastrophe auslösen. Die Atomangst treibt seit Tagen Tausende Menschen auf die Straßen Gibraltars und der spanischen Grenzstädte. "Tireless must go - Tireless verschwinde", rufen die aufgebrachten Demonstranten.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben