Politik : U-Boot-Unglück: Vergessen durch Trauer (Kommentar)

Christoph von Marschall

Hochverrat sei eine Frage des Datums, sagte der französische Staatsmann Talleyrand. Er selbst hat nacheinander mehreren verfeindeten Herren gedient. Und er hatte besten Anschauungsunterricht in seinem Zeitgenossen Joseph Fouché, Geheimdienstchef in der Französischen Revolution, unter Napoleon und dann unter den Bourbonen. Beiden gelang es stets rechtzeitig, die Seite zu wechseln. Auch Autoritätsgewinn oder -verlust ist eine Frage des Datums. Das erfährt jetzt Wladimir Putin, allerdings auf weniger karrierefördernde Weise als Talleyrand und Fouché.

Eine Woche lang weigerte sich Russlands Präsident, von seinem Badeurlaub am Schwarzen Meer an den Unglücksort der Kursk im Nordmeer zu kommen - er wollte die Rettungsarbeiten nicht behindern. Nun, da die U-Boot-Männer mit Gewissheit alle tot sind, reist er doch. Endlich. Das ist ein nötiger Schritt. Da er aber spät kommt, kann Putin seinen Ansehensverlust damit nicht auf die Schnelle kompensieren.

Ein Hauptschuldiger für alles Fehlverhalten ist jetzt auch schon gefunden: Verteidigungsminister Igor Sergejew. Er habe Putin falsch unterrichtet, zu lange darauf gesetzt, dass Russland über das nötige Gerät zur Rettung verfüge, und auch die vielen falschen Stellungnahmen in der Öffentlichkeit zu verantworten. Das klingt, als werde seine Ablösung vorbereitet. Doch selbst wenn Sergejew Minister bleibt: So angeschlagen wie er ist, hat er keine Macht mehr im Militär.

Politisch kann Putin mit einem "Matrosenopfer" Sergejew nicht viel gewinnen. Zum ersten Mal hat er einen Großteil der russischen Medien gegen sich. Viele Kommentare sind vernichtend. Aus westlicher Sicht gibt es Gründe genug: allen voran die Gleichgültigkeit im Umgang mit den betroffenen Familien. Die Erklärung, es habe der Mut gefehlt, das Ausmaß der Katastrophe bekannt zu geben, klingt menschlich. In Russland aber zählt der einzelne Mensch sehr wenig, noch immer wird er dem nationalen, dem kollektiven Interesse untergeordnet. Und in der Informationspolitik spiegelt sich die Menschenverachtung.

Doch darin liegt andererseits auch wieder Putins Chance. So zynisch das klingen mag: Dem großen gemeinsamen Trauern am Nordmeer jetzt Ausdruck zu verleihen, ist die aussichtsreichste Strategie, der Kritik ein Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Opfern, ihren Familien und den politisch Verantwortlichen entgegenzustellen. Obwohl sie bis gestern versagt haben. Denn der Appell an die nationale Verantwortung verfängt immer noch: Jeder muss an seinem Platz seinen Mann stehen, nach vorn blicken, das ist das Vermächtnis der Toten - so hat es der Admiral der Nordmeerflotte im Ton vorgegeben. Wer fragt dann noch nach der Verantwortung, nach Konsequenzen? Von wegen neues Denken in der Gesellschaft. Die alten kollektiven Reflexe funktionieren weiter.

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