UBA-Jahresbericht : Arme Kinder leiden stärker unter Umweltgiften

Der Chef des Umweltbundesamtes (UBA) Troge appelliert an rauchende Eltern. Umweltminister Gabriel erkennt in den Daten des UBA-Jahresberichts auch eine soziale Frage.

Dagmar Dehmer

Berlin„Langfristige Umweltpolitik zahlt sich aus“, sagt der Chef des Umweltbundesamtes (UBA), Andreas Troge, und macht ein ernstes Gesicht. Da lacht sich Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) fast kaputt. Troge kräuselt die Lippen und sagt: „Am Anfang einer langfristigen Strategie, wie jetzt in der Klimapolitik, wird das gerne geleugnet.“ Gabriel grinst. Die Themen des UBA-Jahresberichts sind zwar ernst, doch die beiden obersten Repräsentanten der deutschen Umweltpolitik sind es nicht immer.

Troges Erkenntnis hat mit der Umweltbelastung von Kindern zu tun. Das UBA hat von 2003 bis 2006 insgesamt 1790 Kindern zwischen drei und 14 Jahren Blut- und Urinproben abgenommen und sie sowie ihre Eltern über ihr Lebensumfeld befragt. Dabei zeigte sich, dass die Belastungen mit Schwermetallen, Holzschutzmitteln und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) aus Verbrennungsprozessen gesunken sind. „Das sind Erfolge der Umweltpolitik, aber dass die Stoffe noch immer bei allen Kinden gefunden werden, zeigt auch, wie lang die Bremswege sind.“ All diese Stoffe seien zwar nicht unmittelbar giftig, aber man bekomme sie aus dem Körper auch nicht mehr heraus. Deshalb müsse alles getan werden, um ihre Anreicherung zu vermeiden. Als Beispiel nannte Troge das Insektizid DDT, das in den 70er Jahren in Westdeutschland und nach der Wende auch in Ostdeutschland verboten wurde. Bis heute finden sich DDT-Abbauprodukte in den Blutproben der Kinder – je länger sie gestillt worden sind und je älter ihre Mütter sind, umso höher sind die Werte. Dennoch plädierte Troge eindeutig für das Stillen, weil es das Immunsystem der Kinder stärkt – und die Bindung zur Mutter. Und das haben die Kinder offenbar auch nötig, denn sechs bis acht Prozent von ihnen sind gegen Schimmelpilze in Innenräumen sensibilisiert. „Die Menschen lüften nicht richtig“, stellte Troge fest. Ergänzte dann aber, dass bei einer Wärmedämmung mit dem Einbau einfacher Lüftungssysteme, wie sie auch in Passivhäusern zum Einsatz kommen, das Problem vermutlich schneller zu lösen sei.

„Bedenklich“ nannte Troge die Belastung von Kindern mit Weichmachern, die zwar in Spielzeugen verboten sind, aber offenbar in Kunststoffen für die Verpackung von Lebensmitteln noch vorkommen. Woher die Belastung genau komme, sei aber noch nicht geklärt, sagte Troge. Zudem wies er darauf hin, dass drei Prozent der Kinder starke Hörschäden und 14 Prozent einen leichten Gehörverlust aufwiesen. Troge führte das auf „Freizeitverhalten, wie den Walkman im Ohr“ und „laute Boxen in der Disco“ zurück.

Gabriel findet es erschreckend, dass sich an den Daten auch die sozialen Unterschiede in Deutschland ablesen lassen. „Es geht auch um Umwelt-Gerechtigkeit“, stellte er fest. Denn Kinder aus niedrigen sozialen Schichten sind stärker mit Zigarettenrauch und Blei belastet als die höherer Schichten. Die Hälfte der Kinder lebt mit mindestens einem Raucher zusammen. Troge appellierte an Eltern, ihre besondere Verantwortung für die Gesundheit ihrer Kinder zu erkennen und sie Zigarettenrauch nicht auszusetzen. Allerdings fügte er hinzu, dass sich der Anteil rauchender Eltern seit Jahren kaum verändert habe.

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