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Über 40 Tote nach Anschlägen in der Türkei : Ankara: Spur führt zum syrischen Regime

Die Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei ist erneut Schauplatz schwerer Anschläge geworden. In einem türkischen Ort Nahe der Grenze starben zahlreiche Menschen durch die Explosionen von Autobomben, die Regierung droht Syrien mit Vergeltung.

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Sicherheitskräfte und Passanten am Ort der Explosionen im türkischen Grenzort Reyhanli.
Sicherheitskräfte und Passanten am Ort der Explosionen im türkischen Grenzort Reyhanli.Foto: dpa

Nach den blutigen Bombenanschlägen in der türkischen Grenzstadt Reyhanli führen die Spuren nach Angaben aus Ankara zum syrischen Regime. Die Attentäter hätten Kontakte zum syrischen Geheimdienst, zitierten türkische Medien am Samstag Vizeregierungschef Besir Atalay. Die Organisation der Täter und ihre Hintermänner seien weitgehend bekannt. Zugleich sei völlig klar, dass syrische Flüchtlinge nicht hinter der Tat steckten.

Beim folgenschwersten Anschlag im türkischen Grenzgebiet zu Syrien seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges sind am Samstag mindestens 40 Menschen getötet und rund 100 verletzt worden. Unbekannte Täter zündeten zwei Autonomben vor dem Postamt und dem Rathaus der Kleinstadt Reyhanli in der südtürkischen Provinz Hatay, die nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Türkische Regierungspolitiker deuteten an, dass sie die syrische Regierung hinter der Gewalttat vermuten, und drohten mit Vergeltung.

Im Oktober waren fünf Zivilisten beim Einschlag einer Artilleriegranate aus Syrien in einem anderen Grenzsektor ums Leben gekommen, im Februar tötete eine Bombe am Grenzübergang Cilvegözü nahe Reyhanli 17 Menschen. Doch das Blutbad vom Samstag stellt alles Vorherige in den Schatten. Die Explosionen rissen einen Krater in die Hauptstraße von reyhanli. Fernsehbilder zeigten völlig zerstörte Gebäude und blutüberströmte Opfer.

 Von den Tätern fehlte jede Spur. Nach türkischen Medienberichten fanden Bergungsteams an einem der als Autobombe verwendeten Fahrzeuge eine stark verkohlte Leiche, die mit einem Draht an den Wagen gefesselt war. In der Nähe von Hatay befindet sich ein großes Flüchtlingslager für Syrer. Insgesamt leben nach Regierungsangaben rund 30.000 syrische Flüchtlinge in der Gegend, rund zehn Prozent der Gesamtzahl der Flüchtlinge aus dem Nachbarland, die in der Türkei Schutz gefunden haben.

 Außenminister Ahmet Davutoglu, der sich zur Zeit zu einem Besuch in Berlin aufhält, erklärte, der Zeitpunkt des Anschlages könne „kein Zufall“ sein. Erst am Vortag hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für die Einrichtung einer US-Flugverbotszone über Syrien plädiert.

 Erdogan begründete diese Forderung mit dem nach seinen Worten bewiesenen Einsatz chemischer Waffen durch das Regime in Syrien. Nach türkischen Medienberichten ist Reyhanli ein Zentrum der türkischen Bemühungen, den Giftgas-Einsatz im Nachbarland durch Blut- und Bodenproben zu beweisen. In wenigen Tagen will Erdogan mit US-Präsident Barack Obama in Washington über das weitere Vorgehen in Syrien beraten. Davutoglu sagte mit Blick auf die syrische Regierung, wer Chaos säe, werde die gerechte Antwort erhalten.

 Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc drohte in einer ersten Stellungnahme ebenfalls mit Vergeltung. Sollte es sich herausstellen, dass Syrien hinter dem Blutvergießen in Reyhanli stecke, dann werde „das Notwendige getan“, sagte Arinc. „Gott möge die Schuldigen bestrafen“, fügte er hinzu.

 Der Ministerpräsident selbst äußerte sich zurückhaltender. Mit Blick auf die derzeit laufenden Verhandlungen zur Beendigung des Kurdenkonfliktes sagte Erdogan, möglicherweise gebe es Kräfte, die sich nicht damit abfinden wollten, dass im Land Frieden einkehre. Denkbar sei auch, dass Spannungen zwischen Türken und Syrern in Hatay eine Rolle gespielt hätten. Der Regierungschef warnte vor voreiligen Schlüssen. „Wir bleiben ruhig“, sagte Erdogan.

 Sollte sich herausstellen, dass die syrische Regierung tatsächlich hinter der Gewalttat stand, wird die Türkei diese Ruhe aber wohl nicht mehr aufrechterhalten können.

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