Politik : Über den Niederungen

Von Werner van Bebber

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Ein kleines Politwunder ist zu bestaunen. Es handelt sich um die Verwandlung eines Stadtrats für Volksbildung in den Repräsentanten der wohl anziehendsten deutschen Stadt. Genau, es geht um Klaus Wowereit. Er trägt den Titel Regierender Bürgermeister von Berlin. Und er ist zugleich mehr und weniger als das.

Seit Monaten schon wirkt Wowereit, als schwebe er leicht oberhalb der stadtpolitischen Niederungen. Die Fußballweltmeisterschaft hat es sichtbar gemacht: Wowereit personifiziert ein sommerlich-heiteres Berlingefühl. Ganz entspannt führte er auf der Fanmeile vor, dass es Freude macht, in Berlin zu leben, die Stadt zu präsentieren. Es war harte Arbeit, das alles zu organisieren, doch die hat Wowereit nicht altern lassen. Wer das alles auf einen Bonus zurückführt, von dem sich ein gewisser Gerhard Schröder größere Ansehensgewinne versprochen hatte, unterschätzt diesen Mann. Auch Angela Merkel gab während der Fußballweltmeisterschaft den Fußballfan. Trotzdem sinkt ihr öffentliches Ansehen, während Klaus Wowereits Popularität steigt.

Seine leichte Entrücktheit hat Methode und System. Als Stadtpolitiker trägt er einen gut sitzenden und eleganten Teflon-Anzug. Daran läuft alles herab, was das Ansehen anderer Politiker beschmutzen mag. Schulsenator Klaus Böger hätte sicher auch gern so einen Anzug wie Wowereit, der PDS-Kulturmann Thomas Flierl ebenfalls. Aber so etwas muss man tragen und sich leisten können.

Anders gesagt: Wowereit hat ein ganz genaues Gespür für Themen und Orte, die man meiden sollte. Unübersichtliche Moschee-Baustellen und Rütli-Schulen überlässt er anderen; sollen sie hinfahren und Problembewusstsein demonstrieren. Komplexe Themen wie die Integrationspolitik scheinen ihn nicht so zu packen, dass er sie sich zu Eigen machen möchte. Seine Erklärung zum Gipfel bei der Kanzlerin – „ein hoffnungsvolles Zeichen“ – war an Banalität nicht zu unterbieten. Hätte Wowereit so etwas wie eine politische Mission, er könnte versuchen, Berlin zu einer Einwandererstadt im positiven Sinn zu machen. Man kann zwar in Berlin unendlich viel an, mit und über Migranten lernen, aber nicht viel über einwandererfreundliche Politik.

Wowereits Heikle-Themen-Vermeidungsmethode erklärt seinen großen Erfolg nicht allein. Er kann – auch – hart arbeiten. Er ist mit Recht stolz darauf, dass er den Berlinern und ihrem öffentlichen Dienst zugemutet hat, was er vor fünf Jahren als „Mentalitätswechsel“ ankündigte. Überhaupt kann einer nur zum anerkannten Repräsentanten eines Lebensgefühls werden, wenn viele ihn anerkennen, glaubwürdig finden und sich in seinem Stil wiederfinden. Fast möchte man den guten alten Max-Weber-Begriff „Charisma“ entstauben – aber das ist für Wowereits Politikergeneration vielleicht doch nicht ganz der passende.

Wowereit ist populär, volkstümlich in dem Sinn, wie man das mag in Berlin. Er ist kein bisschen hochmütig. Er ist schlagfertig und lacht gern. Er wirkt, als sei er nicht übermäßig anspruchsvoll – er sagt, er möge das Kiezhafte an Berlin. Er findet das lebenswert, was für die meisten Berliner ihr normales Alltagsberlin ist. Dafür mögen ihn die Leute.

Sein Gegenkandidat Friedbert Pflüger hat ihn kürzlich vorzuführen versucht: Wowereit sei nie aus Berlin herausgekommen, sagte Pflüger, während er schon an vielen Orten gelebt habe. Vielleicht ist solche Mobilität in Berlin nicht wirklich eine Empfehlung.

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