Politik : Über den Wolken

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Ich war auf dem ShuttleFlug von New York nach Boston, um dort in einem Einkaufscenter-Multiplex meinen Film „Die Geschichte der Dienerin“ zu testen – die klassische Preview also mit Verleiher, Marketingstrategen usw. Der Kapitän meldete sich wie üblich mit einer Durchsage „Ladies and Gentlemen...", aber es war weder Flughöhe noch Außentemperatur, die er meldete, sondern dass in Berlin die Mauer gefallen sei. Wahrscheinlich war er einer der alten Panam-Piloten, die früher Berlin anflogen, denn seine Stimme überschlug sich vor Freude. Alle Passagiere, die üblichen Handlungsreisenden und Geschäftsleute, applaudierten spontan.

Es waren sicher nicht gerade Deutschlandfans, aber alle spürten, dass dieser Mauerdurchbruch mehr war als die Befreiung einer Stadt, mehr als die Wiedervereinigung eines Landes. Die ganze Welt würde sich ändern, der Kalte Krieg war beendet und gewonnen, „the empire of evil“ war am Ende, aber auch die Utopie eines anderen Gesellschaftsentwurfes. Mein Team umringte mich, und ich fragte mich, was machste in New York, warum bist du nicht in Berlin? Im Lauf dieser Nacht beschloss ich den Umzug. Ich wollte dabei sein, bei diesem Neuanfang und in dieser Stadt – unvorstellbar, was da für Geschichten zu erzählen wären, was da für Filme entstehen könnten. Fotos: AKG, ddp

Volker Schlöndorff war 1989 und ist heute Filmregisseur.

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