Politik : Über Gott und Gewalt

Martin Gehlen

Der Islam ist gefragt. Seit dem Attentat am 11. September vor eine halben Jahr sieht sich die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen - wie nie zuvor - dem kritischen Interesse ausgesetzt. Wie ist das Verhältnis von Gewalt und Gott? Warum gibt es im Islam keine Demokratie? Warum gibt es so wenig Selbstkritik? Warum werden immer noch junge Frauen zwangsverheiratet? Oder warum erlauben Staaten wie Saudi-Arabien nicht den Bau von Kirchen und Synagogen? Um diesen Themen ging es auch am Montag bei dem "Berliner Gespräch" zum Thema "Tolerant? - Intolerant? Die Rolle der Religion in der Gesellschaft" im Französischen Dom, veranstaltet von der ProSiebenSat.1 Media AG.

Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, verwies zunächst auf die neue Islamische Charta seiner Organisation. Diese fordert, dass sich in Europa lebende Muslime verbindlich zu ihrer Gastgesellschaft bekennen und in sie integrieren müssen. Es genüge nicht mehr, einfach nur friedlich und gesetzeskonform mitzuleben. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich Parallelgesellschaften bilden oder gar Ghettos, wie geschehen beim "Kalifat" in Köln. "Die Abgrenzung von dem radikalen Islam ist für uns eine Daueraufgabe", sagte Elyas. Das Attentat des 11. September, so stellte er klar, "findet keine Rechtfertigung im Islam." Menschenrechtsverletzungen in islamischen Staaten müssten die Muslime entschiedener als bisher bekämpfen, forderte er. Dazu gehörten auch Zwangsheiraten junger Frauen.

Nach Ansicht des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble brauchen die Muslime hierzu auch die Hilfe der deutschen Bevölkerung. Man dürfe die Auseinandersetzung mit Islamisten, ihren Ansichten und Taten, nicht allein den in Deutschland lebenden Muslimen aufbürden. Die nicht-muslimische Bevölkerung in Deutschland habe die gemäßigten Kräfte vor dem 11. September zu wenig unterstützt, räumte der CDU-Politiker ein. Er zählte es gemeinsam mit Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, zu den positiven Entwicklungen nach dem Attentat, "dass der Islam endlich aufgeplatzt ist in verschiedene Richtungen und nicht mehr wie ein monolithischer Block da steht".

Lehmann mahnte vor allem eine Klärung an, wie der Islam das Verhältnis von Gott und Gewalt versteht. Auch die christlichen Kirchen seien hier keineswegs unschuldig, wenn man beispielsweise an die Kreuzzüge denke, sagte der Mainzer Kardinal. "Wesen und Unwesen können in Religionen sehr nahe beieinander liegen."

Beeindruckt sei er von der Treue der Muslime gegenüber ihrem Glauben, sagte Lehmann. Andererseits sei es teuflisch, junge Menschen darauf abzurichten, sich im Namen der Religion in die Luft zu sprengen. Zwischen beidem, der unbedingten Treue und der teuflischen Tat, gebe es nur eine hauchdünne Grenze. "Jede Religion braucht Entschiedenheit", erklärte der katholische Bischof. Aber jede Religion muss auch dafür sorgen, dass sie nicht in die Sackgasse der Gewalt gerät."

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