Politik : „Über mir ist nur der Himmel“

Wirtschaftsminister Clement ist wieder auf Reisen – und trifft nach Putin und Cheney nun auch Tony Blair

Antje Sirleschtov

Das Streatham Job Center in London ist gewiss eine Reise wert. Für einen aus Deutschland, der dort lernen kann, wie man aus muffigen Arbeitsämtern flexible Vermittlungsagenturen formt.

Einem Politiker wie Wolfgang Clement genügt das nicht. Seit längerem wird der Super-Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit als Nachfolger von Kanzler Gerhard Schröder und Kopf einer großen Reformkoalition aus SPD und CDU zur Rettung des Landes gehandelt. Wenn dieser Minister also heute nach London fliegt, dann hat er noch so manch anderen Termin. Etwa mit dem britischen Finanzminister Gordon Brown, der bekanntermaßen gern Regierungschef in London wäre. Oder Arbeitsminister Andrew Smith, Industrieministerin Patricia Hewitt und Europaminister Denis MacShane. Ach ja, auch den Premier wird Clement selbstverständlich treffen. „Die Zukunft Europas“, heißt es in seiner Umgebung, werde er mit Tony Blair diskutieren. Die Zukunft Europas? Spricht man darüber nicht eigentlich mit einem Regierungschef, möglicherweise im Wartestand? Oder mit einem deutschen Vizekanzler?

Völlig haltlos, solche Spekulationen, werden Clements Reisepläne in der Berliner Scharnhorststraße zurechtgerückt. Und die andauernden Abschiedsdrohungen des Kanzlers, die Umzugspläne von Außenminister Joschka Fischer nach Brüssel, die Gerüchte um eine große Koalition?

Paris fehlt noch. Ansonsten hat Clement („Niemand denkt an eine große Koalition“) den Zentren der Weltpolitik seine Aufwartung gemacht. Vor drei Wochen war er mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft in Washington und hatte ein „äußerst symphatisches Gespräch“ über die transatlantischen Beziehungen mit US-Vizepräsident Richard Cheney. Unerwartet, hieß es. Pfingstmontag dann Moskau. Präsident Wladimir Putin? Nein, den kennt er schon aus Düsseldorf. Ein Wirtschaftsforum in der russischen Metropole hatten beide verabredet. Jetzt fand es statt. Mit Gastredner Clement. Auch Peer Steinbrück (SPD) und Bärbel Höhn (Grüne), die Akteure des wichtigsten innenpolitischen Ereignisses, waren dort. Zufälliges Treffen eines politischen Weltreisenden? „Über mir“, beschreibt Clement seine politischen Ambitionen, „ist nur der Himmel“.

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