Politik : Überdosis

Jährlich gibt es 58 000 Todesfälle in Deutschland durch falsche oder zu viel Arznei, sagt eine Studie – weil Ärzten der Überblick fehlt

Christian Staas

Von Christian Staas

Die falsche Pille kann mitunter den Tod bedeuten. Und nicht selten wird die falsche Pille vom Arzt verordnet – irrtümlicherweise. Nach Ansicht des Wissenschaftlers Jürgen Frölich, der das Institut für klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover leitet, geschieht dies in Deutschland öfter, als die Ärzteschaft wahrhaben will. Schätzungen gingen bisher von 8000 bis 16 000 Todesfällen pro Jahr durch falsche Arzneien aus. Frölich rechnet mit mindestens 58 000 Todesfällen – und das allein in den Abteilungen für innere Medizin. „Insgesamt“, sagt der Pharmakologe, „dürfte die Zahl doppelt so hoch liegen.“

Die Hälfte dieser Todesfälle, so Frölich, könnte vermieden werden. Ärzte verordneten Medikamente falsch, weil sie zum Beispiel bei Patienten mit Nierenschwäche die Dosierung nicht anpassten. Oft werde auch das Körpergewicht nicht ausreichend berücksichtigt oder das Risiko von Wechselwirkungen unterschätzt, manchmal auch schlicht übersehen. Die Zahl von Patienten, die schwere dauerhafte Schäden durch falsche Pillen davontragen, setzt Frölich noch 20 Mal höher als die der Todesfälle an.

Die niedersächsische Ärztekammer zweifelt an Frölichs Bericht. „Ich glaube nicht, dass die hohe Zahl von Toten stimmt“, sagt die Vizepräsidentin der Ärztekammer, Cornelia Goesmann. Allerdings kenne sie die Studie noch nicht. Aus eigener 25-jähriger Berufserfahrung als Ärztin erscheine ihr Frölichs Schätzung aber als unplausibel. „Es stimmt nicht, dass Ärzte Menschen mit Medikamenten umbringen.“ Die Diskussion um Risiken in der Arzneimittel-Therapie müsse aber ernst genommen werden.

Frölich stützt seine Schätzungen auf eine norwegische Studie aus dem Jahr 2001. Für die Untersuchung wurden 14 000 Patienten auf einer internistischen Station zwei Jahre lang beobachtet – 732 starben. Bei 133 lautete die Ursache „unerwünschtes Arzneimittelergebnis“. 66 Fälle seien vermeidbar gewesen, sagt Frölich – und: Die Zahlen ließen sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen, denn die Patienten werden hier mit denselben Medikamenten behandelt; außerdem liege die Sterberate in der inneren Medizin in beiden Ländern bei fünf Prozent. Vor allem aber sei davon auszugehen, dass sich die Ausbildung deutscher und norwegischer Ärzte gleiche, da ein Großteil der norwegischen Ärzte in Deutschland studiert habe – und genau dort liege der Kern des Problems: in der Ausbildung.

„An zahlreichen Unis gibt es an den medizinischen Fakultäten keinen Lehrstuhl für Pharmakologie“, empört sich Frölich und nennt Freiburg, Magdeburg und Mainz als Beispiele. Dabei bestehe jede zweite Behandlung im Griff zum Medikamentenschrank. 2500 Wirkstoffe seien auf dem Markt. Da sei es kein Wunder, wenn Ärzte mal den Überblick verlieren. Seit Jahren plädiere er für ein Informationsnetzwerk für Ärzte. Von den Universitäten fordert er, die pharmakologische Ausbildung endlich ernster zu nehmen. In diesem Punkt stimmt ihm auch Cornelia Goesmann von der niedersächsischen Ärztekammer zu: Bisher, sagt sie, sei die Ausbildung einfach zu praxisfern gewesen.

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