Politik : Überfälliges Machtwort (Kommentar)

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Der albanische Literat Ismail Kadare fasste das Malheur einst in wohlfeile Worte: "In diesem Land war es immer für alles zu spät." Selbst für das Erwachen eines Nationalbewusstseins. Dem jüngsten Streben des ärmsten aller Balkanländer machte US-Außenministerin Albright mit ihrer ersten Rede vor dem albanischen Parlament einen Strich durch die Rechnung: Keine Vereinigung der sieben Millionen Albaner, die inzwischen in fünf Staaten der Region leben. Zu Recht. Die internationale Gemeinschaft kann nicht erlauben, dass nationalistische Hardliner politisch durchsetzen, was sie seit 1992 durch Vertreibungskriege auf dem Balkan nicht erreichen konnten: die Veränderung völkerrechtlicher Grenzen. Das gilt für alle: Kroaten, Serben und auch Albaner. Insofern hat Albright ein fälliges Machtwort gesprochen, das den Albanern die Besinnung auf realistische Ziele erleichtern sollte. Denn mit dem geplanten Votum über die Unabhängigkeit des Kosovo nach dem Ende des de-facto-Protektorats der UN haben die Albaner Chancen auf weitgehende Autonomie im Kosovo wie in Montenegro und nicht zuletzt auf Anerkennung der Albaner in Mazedonien.

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