• ÜBERFISCHUNG Die Europäische Union will in Zukunft nicht mehr Teil des Problems sein Doch davon müssen die Regierungen erst noch überzeugt werden

Politik : ÜBERFISCHUNG Die Europäische Union will in Zukunft nicht mehr Teil des Problems sein Doch davon müssen die Regierungen erst noch überzeugt werden

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Wenn die europäischen Regierungen dem Europaparlament folgen, dann steht in der EU eine kleine Revolution bevor. Zum ersten Mal durfte das Parlament bei der Reform der gemeinsamen Fischereipolitik mitreden. In der vergangenen Woche beschlossen die Parlamentarier beachtliche Veränderungen. Die vielleicht wichtigste: Beifang darf nicht mehr über Bord geworfen werden. Allein in der Nordsee werden nach Angaben der Umweltstiftung WWF rund 800 000 Tonnen Fische als „Müll“ über Bord geworfen, weil die Fischer dafür keine Quote besitzen, oder weil es kommerziell nicht verwertbare Fische sind, die sich in ihren Netzen oder Langleinen verfangen. Mit dieser Verschwendung soll bis 2020 endgültig Schluss sein. Außerdem sollen die Fangquoten in Zukunft den Empfehlungen der Wissenschaftler folgen und nicht mehr Ergebnis nächtlicher Feilscherei unter Fischereiministern sein. Allerdings haben Spanien und Frankreich bereits Bedenken angemeldet.

Weil die europäische Fischereipolitik die Bestände in der Nordsee, der Ostsee, dem Mittelmeer und im Schwarzen Meer nicht auf einem Niveau hat halten können, so dass die Fischer ein Auskommen haben, hat die EU 16 Fischereiabkommen mit Entwicklungsländern abgeschlossen. In fast allen Abkommen geht es um Thunfisch, der inzwischen weltweit zu den bedrohten Arten gehört. Vor der westafrikanischen Küste, vor den Kapverden, Mauretanien, dem Senegal oder der Westsahara fischen große Industrieschiffe. Die Fischer entlang der Küste klagen alle darüber, dass für sie kaum noch etwas übrig bleibt. Aber die EU verfügt über eine Fischereiflotte, die bedeutend größer ist, als es die Fischbestände in der Union hergeben.

In der Nordsee sind nach Angaben der EU-Kommission 63 Prozent, im Mittelmeer sogar 80 Prozent der Fischbestände überfischt. 20 Prozent aller Fischarten sind so dezimiert worden, dass sie sich nicht mehr in einem „biologisch sicheren Rahmen“ befinden. Mit anderen Worten: Niemand kann garantieren, dass sich diese Fischbestände wieder erholen – auch dann nicht, wenn sie für einige Zeit nicht mehr befischt werden. Mit „Managementplänen“ sollen sich diese überfischten Arten bis 2020 wieder erholen, damit die dann noch verbliebenen Fischer ein dauerhaftes Auskommen haben. Deutschland verfügt über eine relativ kleine Fischindustrie und stellt sich wohl auch deshalb bisher in den Verhandlungen nicht quer.



Der Thunfisch ist eine bedrohte Art

Den Weltfischbeständen geht es kaum besser als denen in Europa. Die Agrarorganisation der Vereinten Nationen, FAO, legt alle zwei Jahre einen Report über den Zustand der Fischbestände und der Fischerei vor. Die FAO berichtet seit Jahren über beständig sinkende Ertragszahlen in der Meeresfischerei. Im Jahr 2010 sind 148 Millionen Tonnen Fisch in einem Wert von 217 Milliarden US-Dollar gefangen worden. 2011 waren es entgegen dem Trend sogar 154 Millionen Tonnen Fisch. Rund 30 Prozent der Fischbestände sind nahe am Zusammenbruch oder schon so stark überfischt, dass sie sich allenfalls durch ein striktes Management wieder erholen können. Gleichzeitig steigt der Fischkonsum weltweit seit Jahrzehnten dramatisch an. In den 1960er Jahren lag der jährliche Fischkonsum pro Kopf bei 9,9 Kilogramm, 2009 waren es schon 18,4 Kilogramm. In Afrika lag er mit 9,1 Kilogramm pro Kopf und Jahr am niedrigsten. In Asien sind es 20,7 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Chinesen verzehren im Schnitt 15,4 Kilogramm Fisch im Jahr, die Europäer vertilgen 22 Kilogramm und die Amerikaner 24,1 Kilogramm. Während die Zahl der Konsumenten steigt, steigt auch die Zahl der Fischer.

Nur Fische gibt es immer weniger. Weil die Sardinen und Sardellenbestände vor der lateinamerikanischen Pazifikküste drastisch geschrumpft sind, ist Peru seit 2010 nicht mehr die zweitgrößte Fischereination hinter China. Zu den großen Fischereinationen gehören auch noch Chile, die EU und Japan.

Der Anteil der Fische aus Aquakultur nimmt seit den 90er Jahren jedes Jahr deutlich zu. Die jährlichen Wachstumsraten liegen im Durchschnitt bei 8,8 Prozent, heißt es im FAO-Fischereibericht. Zwischen 1980 und 2010 hat sich die Zahl der Aquakulturen verzwölffacht. 2010 sind 60 Millionen Tonnen Fisch aus der Zucht für 199 Milliarden US-Dollar vermarktet worden. 600 verschiedene Fischarten werden in 190 Staaten produziert. Dabei sind Aquakulturen nicht unproblematisch – auch für die Fischbestände in den Ozeanen. Für ein Kilogramm Lachs werden nach einer Rechnung der Umweltorganisation Greenpeace fünf Kilogramm wild gefangener Fisch für dessen Ernährung gebraucht. Bei Thunfisch sieht die Rechnung noch schlechter aus. Da liegt das Verhältnis bei 20 Kilogramm zu einem Kilogramm Thun. In den Aquakulturen werden Fische auf kleinem Raum gehalten. Deshalb werden Antibiotika eingesetzt, um bei Krankheiten einen Totalverlust zu vermeiden. Auch die Ausscheidungen der Fische werden zum Problem. Sie sind sehr nährstoffreich und lösen häufig Algenblüten aus, die schließlich zu einem Umkippen der betroffenen Meeresregion führen können. Inzwischen gibt es zwar auch Öko-Aquakulturen. Doch ihre Marktanteile sind überschaubar.

Beim Weltgipfel Rio plus 20 in Brasilien im vergangenen Sommer haben Umweltschützer dafür gekämpft, überregionale Meeresschutzgebiete wieder zu einem Thema zu machen. Sie sind damit gescheitert. Allerdings hat die Vertragsstaatenkonferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt das Thema aufgegriffen, doch bis die Gebiete ausgewiesen sind, sind die Lizenzen für den Tiefseebergbau vermutlich alle längst vergeben. Auf hoher See gibt es also auch in Zukunft kaum Schutz für die Fische. Dafür haben die Malediven und die Cook-Inseln sowie Australien im vergangenen Jahr alle große neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Der Premierminister der Cook-Inseln begründete das übrigens mit der Absicht seines Landes, in den Tiefseebergbau einzusteigen. Da müssten die ökologischen Standards zumindest in den angrenzenden Gebieten hoch sein. Dagmar Dehmer

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