Politik : Überleben in der Wüste

Die Tuareg vermitteln im Geiseldrama in der Sahara – und Deutschland hilft ihnen, die Folgen von Krieg und Dürren zu überwinden

Ulrike Scheffer

Nun ist es wieder da, das Bild vom stolzen Tuareg mit stahlblauen Augen und Turban. Einer ihrer Führer, Iyad Ag Agali, vermittelt im Geiseldrama im Norden Malis – und hat damit die Vorstellung von den Herren der Wüste aufleben lassen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Schwere Dürren in den siebziger und achtziger Jahren haben den Tuareg ihre Lebensgrundlage genommen; sie fanden kaum noch Weiden für ihre Viehherden. Für die rund 1,5 Millionen Menschen in Nordmali – rund die Hälfte davon Nomaden – geht es seither ums nackte Überleben. Nicht zuletzt dank deutscher Hilfe hat sich die Lage in einigen Regionen aber stabilisiert. Und das rechnen vor allem die Tuareg Deutschland hoch an: „Das von Deutschland unterstützte Entwicklungsprogramm hat einiges bewirkt. Deshalb genießen wir hier einen sehr guten Ruf“, sagte der deutsche Programmleiter Henner Papendieck dem Tagesspiegel. Der Berliner lebt seit zehn Jahren mit seiner Frau Barbara in Mali. Das Projekt wird von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) getragen. Mehr als 40 Millionen Euro wurden investiert.

Auf der Suche nach Wasser für ihre Herden gerieten die Nomaden nach den Dürrejahren mit sesshaften Ackerbauern in Konflikt. 1990 erhoben sich die Tuareg, weil sie sich vom Staat benachteiligt fühlten. Als es 1995 endlich zum Frieden kam, unterstützte Deutschland den Neuanfang. Die früheren Feinde – Tuareg, andere Nomaden und Ackerbauern – einigten sich unter Vermittlung der Entwicklungshelfer auf gemeinsame Projekte. Der Bedarf war groß: Brunnen wurden gebaut, Bewässerungsanlagen, Unterkünfte für zurückkehrende Flüchtlinge, Schulen, Gesundheitsstationen. So weit wie möglich wurde der Wiederaufbau mit eigenen Mitteln betrieben. So stellten die Frauen die Bastmatten, aus denen traditionelle Hütten errichtet wurden, selbst her. Lokale Schmiede produzierten Werkzeug.

Doch zum Überleben brauchten vor allem die Tuareg eine neue wirtschaftliche Grundlage. Im Kerngebiet des Projekts, dem Flusstal des Niger in der Region Timbuktu, sind viele inzwischen halb sesshaft. Während Frauen und Kinder an festen Orten leben und wie die Bauern Reis pflanzen, ziehen die Männer zeitweise mit kleinen Herden umher.

Im Grenzgebiet zu Algerien, wo die Sahara-Touristen festgehalten werden, sind die Bedingungen indes andere. Die Region gilt als Todeszone. Beobachter in Mali berichten, dass sich die dortigen Tuareg ihren Lebensunterhalt vor allem mit Schmuggel verdienen. Unter anderem würden Waffen aus Mauretanien und Burkina Faso über alte Karawanenwege nach Algerien gebracht – zu den Terrorgruppen, die auch für die Entführung der Touristen verantwortlich gemacht werden. Auch Vermittler Iyad Ag Agali soll beteiligt sein. Dass Deutschland sein Volk unterstützt, dürfte daher nicht der einzige Grund für seine Hilfsbereitschaft im Geiseldrama sein. Beobachter vermuten, er wolle vermeiden, dass die Geschäfte der Tuareg gestört würden.

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