Politik : Überlebender fordert Prozess gegen Nazi-Verbrecher

Berlin - Während in München der Mordprozess gegen den früheren KZ-Aufseher Ivan Demjanjuk in dieser Woche zu Ende geht, sind andere NS-Verbrechen nach wie vor ungesühnt. Während eines Besuchs in Berlin hat jetzt Enrico Pieri, einer der Überlebenden des Massakers von Sant’Anna di Stazzema in der Toskana, die Eröffnung des Verfahrens gegen einen der ranghöchsten noch lebenden mutmaßlichen Täter gefordert, den in Hamburg lebenden Gerhard Sommer.

Pieri überlebte als Zehnjähriger unter einer Treppe versteckt das Massaker in der Ortschaft in den Apuanischen Alpen. Eine SS-Einheit brachte dort am 12. August 1944 Hunderte von Bewohnern um, darunter Pieris ganze Familie. Die Metzelei gilt als eine der grausamsten im sogenannten deutschen „Bandenkrieg“ in Italien. In der gesamten Gemeinde Stazzema ließ die 16. Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ 560 Ermordete zurück. Unter den 390 Toten, die noch identifiziert werden konnten, fanden sich 75 Kinder, die jünger als zehn Jahre alt waren. Das jüngste war ein Säugling von zehn Monaten.

Baden-Württembergs bisheriger Justizminister Ulrich Goll (FDP) hat allerdings kürzlich Hoffnungen auf eine juristische Aufarbeitung des Massakers in Deutschland zerstreut – die Staatsanwaltschaft Stuttgart ist zuständig für das Verfahren um Sant’Anna. Goll deutete im Februar an, dass die seit 2002 laufenden Ermittlungen noch dieses Jahr eingestellt werden könnten. Es spreche wenig dafür, dass sie noch genügend Material für einen Prozess zutage fördern. Im italienischen Verfahren um Sant’Anna, in dem 2005 zehn Beschuldigte verurteilt wurden, habe praktisch keine Tat konkreten Tätern zugeordnet werden können. Wegen dieser Probleme eines deutschen Mordprozesses fordert die Hamburger Anwältin der Überlebenden die rasche Vollstreckung des italienischen Urteils in Deutschland. Dies scheitert derzeit daran, dass Italiens Justizminister dies nicht in Berlin beantragt. ade

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