Überlebender vom Tahrir-Platz : Eine Wunde ist geblieben

Als Taher Elsaaidy diesen Januar zum Tahrir-Platz in Kairo aufbricht, ist er voller Hoffnung. Er feiert mit den Revolutionären. Dann treffen ihn drei Schüsse. Die Verletzung wird in Berlin versorgt.

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In Kairos Mitte haben sie sich getroffen, die Mubarak-Gegner. Als Anfang Februar die Polizei kam, stand Taher Elsaaidy in der ersten Reihe.
In Kairos Mitte haben sie sich getroffen, die Mubarak-Gegner. Als Anfang Februar die Polizei kam, stand Taher Elsaaidy in der...Foto: picture alliance / dpa

Wenn Taher Elsaaidy die Tür öffnet, in der Karl-Marx-Straße in Neukölln, dann steht er oft mit nacktem Oberkörper da, obwohl ihm kalt ist im verregneten Berliner Sommer. Aber Elsaaidy muss warten, bis ihm jemand hilft den linken, schlaffen Arm aus der auberginefarbenen Schlinge zu heben, ihn durch einen Hemdsärmel zu führen. Der kalte Stoff des Hemdes reibt am Pflaster über der Wunde, Elsaaidy zuckt kurz und presst die Augenlider aufeinander.

Dort, wo nun das große Pflaster klebt, ragten vor Monaten noch Nägel aus dem Fleisch. Sie hielten die Knochentrümmer zusammen, die mal seine Schulter waren. Die Wunde war infiziert. So kam er nach Berlin, Mitte März.

Langsam geht Elsaaidy zum Gasherd in der Küche, hebt sein Knie an den Schalter, kocht mit einer Hand Kaffee. Er ist ein kleiner Mann, 51, er hat nur noch wenige Haare. Er stöhnt leise, während er den Kaffee zu seinem Bett in dem kleinen Zimmer trägt, sich auf die bunt gemusterte Bettwäsche setzt. Vor ihm stehen Stoffblumen auf dem Tisch, an der Wand hängt die ägyptische Fahne.

Früher, als er den linken Arm noch bewegen konnte, da muss er viel gestikuliert haben. Jetzt hebt er nur noch die gesunde Hand und wippt mit den Füßen, tippt mit den Zehen auf den Boden, wenn er erzählt, warum er in Berlin ist. Es ist die Geschichte eines Mannes, der glaubt, das Richtige zu tun, der sich erhebt gegen das Unrecht in seinem Land – und niedergestreckt wird mit drei Schüssen.

Am 28. Januar bricht Taher Elsaaidy wie so viele andere Ägypter nach dem Freitagsgebet in Kairo auf, weil er die Zeit gekommen sieht, ein Regime loszuwerden, das sich auf die Kosten der Bevölkerung bereichert. Er erwartet das Schlimmste. Bevor er geht, schreibt er sein Testament. Seinen 16-jährigen Sohn nimmt er mit, Frau und Töchter bleiben daheim.

Schon bei der ersten Polizeisperre auf dem Fußweg von Al Madi, einem Stadtteil am Rand Kairos, in die Altstadt werden Vater und Sohn angehalten. Ein Zehnjähriger wird von Scharfschützen erschossen. Gerade noch stand er neben ihnen. Tränengas liegt in der Luft, kurz wird Elsaaidy bewusstlos.

Während er das erzählt, blickt er lange auf die Dielen der Neuköllner Wohnung. Dann schaut er aus wütenden dunklen Augen wieder auf. Nein, umgekehrt sei er nicht. Er habe nur den Sohn nach Hause geschickt. Der Tod des Jungen, gleich neben ihm, trieb ihn weiter an. „Diktatoren kann man nur stürzen“, sagte er sich und kämpfte sich durch bis zum Tahrir-Platz.

Er wird Teil eines tagelangen Festes, Lagerfeuer brennen, überall wird diskutiert, gesungen, gegessen. Zwei Paare heiraten mitten auf dem Platz. Elsaaidy hat Gänsehaut vor lauter Aufregung, er schläft nicht, nur zwischendurch legt er sich ein paar Minuten aufs Gras. Es waren besondere Tage, er hatte Hoffnung. Bis er am zweiten Februar zwischen Zivilisten auf Pferden und Kamelen gerät, die die Demonstranten attackieren, als kämpften hier Feinde. Und, bis sich im Morgengrauen des dritten Februar, gegen vier Uhr früh, Männer in schwarzer Kleidung auf der Brücke des sechsten Oktober aufbauen. Elsaaidy steht auf der nördlichen Seite des Platzes, nah an der Brücke. Er sieht die Männer, er könnte gehen. Aber er bleibt. „Ich habe 30 Jahre Angst gehabt“, sagt er, „jetzt habe ich keine mehr.“

Er sieht rote Punkte auf den Körpern der Demonstranten, Laserstrahlen, die ihre Ziele suchen, er sieht Männer neben sich zusammensinken. Dann sieht er einen roten Punkt auf seiner eigenen Schulter und wie seine Hand, die er eben noch vor der Brust hielt, fällt. Die Schüsse treffen ihn aus etwa 15 Meter Entfernung.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Elsaaidy im Krankenhaus erwachte.

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