Politik : Überlebensgroß

Während Scharon mit dem Tode ringt, erklimmt seine neue Partei Höchstwerte bei Israels Bürgern

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Ariel Scharons Gesundheitszustand ist nach wie vor „schwierig, aber stabil“, wie seine Ärzte sagen. Das öffentliche Leben in Israel hat sich wieder etwas beruhigt, während die Politiker sich mit Kommentaren sehr zurückhalten.

Der Schaden, den der schwere Schlaganfall und Hirnblutungen im Gehirn des israelischen Premiers angerichtet haben, ist „groß und nicht heilbar“. Bei dieser Einschätzung blieben Neurochirurgen und Neurologen auch nach der bisher letzten Computertomographie, der Scharon am Samstag unterzogen wurde. Zwar zeigte sich dabei eine leichte Verbesserung, doch Scharon liegt nach wie vor in künstlichem Koma und wird künstlich beatmet. Am Sonntagmorgen wollen die Ärzte darüber entscheiden, ob sie – wie vorgesehen – bereits am Mittag damit beginnen können, Scharon stufenweise aus dem künstlichen Koma aufzuwecken, in das sie ihn noch Mittwochnacht nach der ersten Operation versetzt hatten. Je später der Zeitpunkt des Aufweckens, desto schlimmer schätzen sie seine Lage ein und desto größer den mutmaßlichen Hirnschaden.

Der Hirnschaden wird es für Scharon unmöglich machen, wieder ins öffentliche Leben zurückzukehren – sofern er überlebt. In dieser Situation halten sich Politiker aller Parteien in bemerkenswerter Weise zurück. Vor allem in Scharons neugegründeter Kadima-Partei will man die nächsten Tage abwarten, bevor wichtige Entscheidungen gefällt werden.

Genauso verhält sich auch der Justizberater der Regierung, der festzustellen hat, ob Scharon sein Amt nur vorübergehend nicht ausüben kann oder amtsunfähig ist. Vorläufig amtiert Ehud Olmert formell als Stellvertreter. Sobald Scharons Amtsunfähigkeit festgestellt ist, wird er amtierender Ministerpräsident.

Die Bevölkerung verfolgt Scharons Überlebenskampf nach wie vor mit größter Spannung. Fernseh- und Radiosender bringen wieder ihre normalen Programme, allerdings öfter unterbrochen durch Sondersendungen. Am Samstagmorgen beteten die Gläubigen im Rahmen der Sabbatgottesdienste speziell für Scharons Überleben und Genesung.

Während in der breiten Öffentlichkeit bereits wieder über Fußball diskutiert wird, zeigen erste Umfragen nach Scharons Schlaganfall, dass die Kadima-Partei auch ohne ihren Gründer beste Chancen hat, als größte Partei aus den Wahlen vom 28. März hervorzugehen. Doch die Bürger und Wähler sind durch die Ereignisse verwirrt und verunsichert. Auch das Mitleid mit Scharon dürfte eine Rolle spielen. Kadima, von Likud und Arbeitspartei als Scharons „Ein-Mann-Partei“ verspottet, wird möglicherweise noch einiges an Zustimmung verlieren. Doch die „Große Heimkehr“, die vor allem vom Likud erhoffte Rückkehr der Kadima-Politiker in ihre früheren Parteien, wird es nicht geben. Auch Schimon Peres scheint den Lockrufen der Arbeitspartei hinter den Kulissen noch zu widerstehen.

Wie sehr die Israelis Scharon als „starken Mann“ schätzen gelernt haben und wie groß ihr Mitleid mit dem um sein Leben kämpfenden Noch-Regierungschef ist, geht aus einer geheimen internen Umfrage der Kadima-Partei hervor. Falls sich das medizinische Wunder wider alle Erwartungen ereignet und Scharon seine Kadima in die Wahlen führen kann, dann käme diese nach derzeitigem Umfragestand auf 72 von 120 Mandaten. Kadima verfügte damit über eine historische absolute Mehrheit. Das hatte selbst Staatsgründer David Ben Gurion, der Scharon als Militär bewunderte, ihm aber als Mensch zutiefst misstraute, nicht geschafft.

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