Politik : Überlebenskampf in "quotenträchtigen Übungsgebieten"

Claudia Lepping

Die Sache ist klar: Die Zeitung druckt nur die besten Bilder und Texte, und in die Fernseh-Nachrichten kommen nur die eindrucksvollsten Szenen und Ausschnitte. Die Konkurrenz ist dabei so groß wie der tägliche Zeitdruck. Auch der Auftrag ist eindeutig: Journalisten sollen berichten und erklären, was geschieht, möglichst authentisch und nah an der Wahrheit. Für Reporter im Auslandseinsatz kann es in Krisen- und Kriegszeiten auch gefährlich werden. 1999 wurden 36 Journalisten im Rahmen ihrer Arbeit getötet. Gibt es einen besonderen Schutz für Journalisten? Wann ist das Risiko zu groß? Und wollen wir im Krisenfall die beste Geschichte, oder gehen wir lieber auf Nummer sicher? Darüber diskutierten Journalisten, Juristen und Angehörige der Bundeswehr auf Einladung der Johanniter Unfallhilfe Berlin.

Ein erster Konsens war schnell gefunden: Das eigene Leben ist wichtiger als die gute Geschichte. Aber auch: Die absolute Sicherheit gibt es nicht, sei der Journalist auch noch so erfahren und über sein Einsatzgebiet gut informiert. Rechtlich ist ein Reporter, der über Krisen in Kosovo, Tschetschenien oder Sierra Leone berichtet, nicht besser abgesichert als ein Tourist. Darüber hinaus orientieren sich paramilitärische Organisationen oder uniformierte Einheiten und ihre befehlsgebenden Politiker inmitten militärischer Auseinandersetzungen eben nicht an geltendem Völkerrecht oder an internationalen Konventionen, die den Journalisten die freie Ausübung ihrer Arbeit gewährleisten. Michael Rediske vom Vorstand der Menschrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen bringt es auf den Punkt: "Reporter werden häufig wie Kriegsteilnehmer behandelt."

Dennoch gehen Journalisten oft freiwillig Risiken ein. Nicht selten, um nach einem prekären Kriseneinsatz Karriere zu machen, wie Peter Ellgaard, Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, feststellt. Tschetschenien beispielsweise gilt nach den Worten von Gisbert Mrozek von der deutsch-russischen Nachrichtenagentur RUFO als "quotenträchtiges Übungsgebiet für Journalisten". Dass sie dabei Regeln verletzten und sich jeder Fehler bei der Recherche auf eigene Faust zur lebensbedrohlichen Gefahr auswachsen kann, werde ihnen meist zu spät bewusst.

Immer häufiger greifen deutsche Medien zusätzlich auf freie Anbieter zurück, die in Krisensituationen schon mal mehr riskieren, um besseres Material als die Konkurrenz zu sammeln. Wenn sie verunglücken, tragen ihre Abnehmer jedoch keine Verantwortung. Wolfgang Duveneck von der dpa warnt davor, Bild- und Textreporter, ohne sie genau zu kennen, in Krisenregionen zu schicken. "Jedem noch so coolen Kollegen geht im Dauerstress der Krisenrecherche irgendwann die Puste aus, ohne dass er sich das eingesteht. Ein Chef muss wissen, wie belastbar der Reporter ist. Er trägt die Fürsorgepflicht für die Korrespondenten." Duveneck plädierte dafür, jedem Kandidaten für einen Auslandsjob die Chance einzuräumen, das Land in ruhigen Zeiten kennenzulernen, um bei Gefahr angemessen handeln zu können.

Doch die beste Vorsorge reicht nicht, wenn Kollegen in Krisensituationen leichtfertig agieren. Als "Gruppenzwang" bezeichnete es Klaus Prömpers vom ZDF, wenn Reporter wie beim Kosovo-Einsatz übermüdet und überanstrengt jede Warnung verdrängen. Vor einem Jahr waren im Kosovo zwei deutsche Reporter getötet worden. Josef Krieg, Referatsleiter der Bundeswehr, formuliert es vorsichtig: "Der militärische Auftrag passt nicht immer mit dem journalistischen Auftreten zusammen. Und es ist nicht erste Aufgabe der Bundeswehr, Journalisten zu betreuen." Inzwischen bietet die Bundeswehr Sicherheitstraining für Journalisten an.Weiteres zum Thema unter www.reporter-ohne-grenzen.de

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