Politik : Überraschend rot

Die PDS hat ihre Anhänger diesmal mobilisieren können. Jetzt hofft sie auf 2006

-

Berlin Das Berliner Lokal „Zimmermann’s“ ist ein düsterer Schuppen, aber am Wahlabend geht für die PDS hier noch einmal die Sonne auf: Mit dem doppelten Sieg mit der Bestätigung im Europaparlament und dem Zugewinn in Thüringen erheben sie Anspruch auf Rückkehr in den Bundestag 2006. So sieht das Gregor Gysi. Und Petra Pau. Und Gesine Lötzsch. Derartig günstig hatten selbst die Optimisten der Partei das Ergebnis nicht zu schätzen gewagt. Pau war noch mit einem mulmigen Gefühl wählen gegangen. Auch Lötzsch hatte mit so eindeutigen Zahlen nicht gerechnet. Nun perlt es bei beiden Bundestagsabgeordneten im Glas. An ein derartig positives Überraschungsergebnis bei früheren Wahlen kann sich keine von beiden erinnern. „Nach den Ergebnissen von heute gibt es keinen Grund, am Aufbau West zu zweifeln“, sagt der Parteivorsitzende Lothar Bisky süffisant.Vor der Wahl hatte er noch erklärt, seine Partei sei im Westen „fremd geblieben“. Und wann gab es eigentlich zuletzt frenetische Lothar-Sprechchöre in der Partei?

In diesem Wahlkampf war vieles anders. Unter anderem, dass Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie beteuerte, Rot-Rot in Thüringen werde es nicht geben. Selbst eine Tolerierung durch die PDS werde er nicht akzeptieren. Diese harte Abgrenzung mag der Partei, die sich gern als Interessenvertreter der Entrechteten sieht, genutzt haben. Selbst hatte die PDS alles für möglich gehalten – Tolerieren, Opponieren oder Koalieren.

Gregor Gysi kritisiert, Matschie habe noch vor der Wahl sich und seine Partei aufgegeben und die einzig theoretisch denkbare Variante ausgeschlossen, selbst Ministerpräsident zu werden. Der Mann sei mit seiner „Loser-Mentalität“ einfach „zehn Jahre zurück“ gewesen, ruft Gysi unter dem Jubel der Berliner Sympathisanten ins Mikrofon. Lässt dieser wiedergewonnene Verve in der Stimme nun darauf schließen, dass Gysis eigene Ambitionen wieder erstarkt sind? Nach wie vor lässt der einstige Wirtschaftssenator seine Anhänger im Unklaren darüber, ob er bei der Bundestagswahl 2006 das Zugpferd sein möchte – letztlich ein Spiel mit Möglichkeiten, das die PDS interessant machen soll. Jetzt bleibt es bei seiner Erklärung, die PDS habe die „ernsthafte Forderung auf Rückkehr gestellt“. Zu den eigenen Plänen sagt er nichts. Nur die Bemerkung: „Wir müssen aufpassen, dass uns das jetzt nicht zu Kopf steigt.“ Doch das Werben der Genossen um Gysi, der bereits im Thüringen-Wahlkampf tüchtig geholfen hat, wird zunehmen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben