Politik : Überrascht von der Vehemenz des Rassismus - Almuth Berger zieht Bilanz

Amory Burchard

Die Ost-Berliner Pastorin Almuth Berger berichtete 1988 einem Betriebsleiter von rassistischen Übergriffen gegen vietnamesische Vertragsarbeiter in dessen Werk. Die Theologin wollte den Leiter bitten, für die Ausländer einzutreten. Aber der habe gar nicht verstanden, worum es ging, sagte Berger, die gestern in Berlin bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zu ihrem 10. Jubiläum als Ausländerbeauftragte auftrat. "Ausländerfeindlichkeit gibt es bei uns nicht, bei uns gibt es Solidarität", behauptete der Betriebsleiter.

Dies sei eine für die DDR typische Haltung gewesen, sagt Almuth Berger. Die Pastorin wurde am 11. März 1990 von der ersten demokratisch gewählten Volkskammer zur Ausländerbeauftragten der DDR bestimmt, seit der Wiedervereinigung nimmt sie diese Aufgabe im Land Brandenburg wahr. Gemeinsam mit weiteren ostdeutschen Ausländerbeauftragten der ersten Stunde blickte sie gestern zurück auf die Anfänge ihrer Arbeit an den Runden Tischen. Damals habe sie durchaus gewusst, was für eine schwierige Aufgabe auf sie zukäme, sagte Almuth Berger dem Tagesspiegel. Niemand habe die weit verbreiteten rassistischen Einstellungen der Ostdeutschen wahrhaben wollen. Bis heute sei sie allerdings überrascht "von der Vehemenz der Fremdenfeindlichkeit", die gleich nach der Wende deutlich wurde.

Nach zehn Jahren Arbeit in Ostdeutschland könne "keine Erfolgsbilanz" gezogen werden - da waren sich die im Berliner Stadthaus versammelten Ausländerbeauftragten einig. Almuth Berger sagte, was ihre Arbeit so schwer mache: Menschen, die anders aussehen, müssten jeden Tag damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden - ohne dass eine Provokation von ihrer Seite vorausgegangen sei. Dahinter stehe nicht ein ideologisch gefestigtes Weltbild, gegen das Ausländerbeauftragte oder Toleranz-Initiativen argumentieren können. Vielmehr sei es eine "dumpfe Ablehnung", die die "Rechten" zuschlagen lasse. "Menschlich ganz schlimm" sei es, wenn das Umfeld so etwas trage.

Wenn Almuth Berger zu ihrem Berufsjubiläum einen Wunsch frei hätte, würde sie sich nicht mehr Geld für Jugendprojekte wünschen. Davon gebe es bereits eine ganze Reihe. "Wir brauchen Menschen, die sich hinstellen und sagen: Ich nehme es nicht mehr hin, dass hier fremdenfeindliche Taten verübt werden", sagt Berger. Dies sollten Bürger sein, die in ihren Gemeinden ein Ansehen genießen - etwa Leiter größerer Betriebe, Ärzte, Lehrer und Bürgermeister.

Bei der Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung würdigte auch die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marie-Luise Beck, die Arbeit ihrer ostdeutschen Kolleginnen. Diese seien nach der Wiedervereinigung auch mit "politischen Versäumnissen" der Bundesregierung konfrontiert worden. Es sei falsch gewesen, Asylbewerber "ohne Vorbereitung der Bevölkerung" in die Gemeinden der neuen Länder zu verteilen. Und indem die DDR-Vertragsarbeiter erst 1997 ein Bleiberecht erhalten hätten, sei ein wichtiges Signal verpasst worden: Dass sie genauso zu Deutschland gehören wie die ehemaligen Gastarbeiter in der Bundesrepublik.

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