Politik : Überschuldung privater Haushalte: Kirchen fordern mehr Geld für Schuldnerberatung

Martin Gehlen

Als völlig unzureichend hat der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Hellmut Puschmann, die finanzielle Förderung von Schuldnerberatungsstellen durch die Bundesländer kritisiert. Menschen, die ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können, müssten oft bis zu einem Jahr warten, bis sie einen Termin in einer Beratungsstelle bekommen, sagte Puschmann in Berlin bei der Vorstellung einer Untersuchung von Caritas und Diakonie zur Überschuldung privater Haushalte. Allerdings weiche die Lage in den einzelnen Bundesländern "eklatant von einander" ab. Ausreichende Noten von Seiten der beiden kirchlichen Sozialverbände erhielten lediglich Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz. In allen anderen Bundesländern sei die Situation "nicht zufriedenstellend". Ausgesprochene Negativbeispiele seien Baden-Würtemberg und Schleswig-Holstein.

2,7 Millionen Haushalte waren 1999 durch Überschuldung in Not geraten - zwei Millionen in den alten und 700 000 in den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu 1995 ist deren Zahl um 30 Prozent gestiegen. Durchschnittlich belaufen sich die Schulden bei Arbeitern auf 35 000, bei Angestellten auf 60 000 Mark. Caritas und Diakonie, die mit 600 von 1150 Beratungsstellen Träger von mehr als der Hälfte aller Schuldnerberatungstellen sind, kalkulieren die Gesamtberatungszeit pro Haushalt auf etwa 15 Stunden. Notwendig seien also pro Jahr 40 Millionen Beratungsstunden, von denen wegen fehlender öffentlicher Unterstützung nur sechs Millionen Stunden, also 15 Prozent angeboten werden könnten.

Wie der Autor der Studie, der Karlsruher Soziologe Gunter E. Zimmermann erläuterte, ist die Arbeit der Schuldnerberatungen ausgesprochen erfolgreich. Bei drei Viertel aller Ratsuchenden sei es gelungen, eine Lösung für ihr Schuldenproblem zu finden. Meist lasse sich die Forderung der Gläubiger durch Verhandlungen reduzieren und ein realistischer Rückzahlungsplan vereinbaren. Aus dem "Schuldenloch" herauszukommen und wieder Perspektiven zu entwickeln, "das ist der entscheidende Schritt, der mit Unterstützung der Schuldnerberatung gelingen kann", erläuterte Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes.

Nach Angaben von Zimmermann sind die Angehörigen eines typischen Schuldenhaushaltes alleinstehend, geschieden oder alleinerziehend. Viele seien arbeitslos oder hätten ein geringes Erwerbseinkommen, die meisten Betroffenen zudem eine geringe Schul- und Berufsbildung. 85 Prozent der Verschuldeten, die in der Regel im Alter zwischen 20 und 49 Jahren sind, stünden bei mehreren Gläubigern in der Kreide. Manche müssten gar an zehn oder mehr Adressen Geld zurückzahlen.

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