Politik : Übervaterlose Gesellschaft

Von Peter von Becker

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Ein alter Mann gesteht seiner Ehefrau nach einem langen gemeinsamen Leben ganz unverhofft, sie vor Jahrzehnten einmal mit einer Geliebten betrogen zu haben. Mag sein, die Frau ist über die späte Beichte gerührt. Wahrscheinlicher aber ist eine Verletzung durch dieses unerwartete, unerbetene Geständnis. Plötzlich liegt ein Schatten des Misstrauens über all der gemeinsamen Zeit.

So ähnlich, so vergleichbar ergeht es der deutschen und internationalen Öffentlichkeit im Fall von Günter Grass. Nach dem sündenstolzen Spätgeständnis seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS hat der Großautor die offenen Fragen jetzt auch im Fernsehgespräch mit Ulrich Wickert nicht beantworten können: Was ist mit ihm 1944/45 wirklich geschehen? Warum, trotz so vieler öffentlicher Reden, dieses überlange Schweigen? Grass verweist auf sein Buch. Doch das verdunkelt eher, die gekünstelte Inszenierung der Gedächtnissplitter schürt neue Zweifel. Das alles zeigt nur, dass es in einem Leben zwischen Anpassung und Widerspruch, also in menschlichen Widersprüchen, kein Erinnern ohne Vergessen und auch Verdrängen gibt. Kein Gewissen ist da manchmal das beste Ruhekissen. Und selbst ein Unruhiger wie Grass ist in jenen Bann des Schweigens geraten, der Tätern und Opfern nach 1945 oftmals den Mund verschloss, aus Angst oder Scham.

Für die deutsche Erinnerungskultur ist der Fall Grass allemal ein Schock. Aus der Generation Grass sind ja einige alte, große Autoren und Gelehrte noch spät von ihrer einst ziemlich unvermeidlichen Hitler-Jugend eingeholt worden. Männer wie Walter Jens und Peter Wapnewski. Doch das alles passiert wohl zum letzten Mal. Die Zäsur steht an, denn die Täter, Opfer und Mitläufer, die Zeitzeugen, sie sterben aus. Damit setzt eine Historisierung des Erinnerns ein, auch die distanzierende Musealisierung. Schon jetzt ist beispielsweise das Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte für die Jungen eine lockere Begehungs- und Begegnungsstätte. Begegnung mit Vergangenheit – und Zukunft. Ein Hauch, eine frische Zugluft war auch die Fußball-WM. Statt des hässlichen zeigte sie der Welt den hübschen, heiteren Deutschen. Den jungen Deutschen.

Aber Jugend allein ist noch keine Tugend. Es bleibt ein kaum zu unterschätzendes Verdienst der damals noch nicht so alten Habermas und Grass, den jugendlichen Fanatikern unter den 68er-Rebellen frühzeitig die Warnung vor einem „linken Faschismus“ entgegengehalten zu haben. Weil sie selber erfahren hatten, was ideologischer Wahn als totalitärer Wahrheitsanspruch bewirkt.

Schon damals, Mitte der 60er Jahre, war das auch ein Generationenkonflikt, und die Kinder von Marx und Coca-Cola hielten sich als Nachgeborene für unfehlbar unschuldig. Einige von ihnen, die Ex-Jusos und Ex-Spontis, gelangten 1998 bis 2005 sogar an die politische Macht. Doch die intellektuelle Szene haben sie nie beherrscht. Dort regierten bis gestern, bis zum Fall von Günter Grass, die Großväter: die Generation der Flakhelfer, die ihrerseits zu jung war, um vor 1945 mehr als unschuldig schuldig zu werden.

Die Generation Golf hat diese alten Rigoristen nie ablösen können. Im Vergleich zu den Flakhelfern (oder den Waffen-SS-Panzerschützen) Grass, Habermas, Enzensberger, Walser oder auch Ratzinger sind die geistigen Minigolfer wie Illies oder Politycki keineswegs zu dumm. Sie sind nur zu erlebnisarm, zu spannungslos, abgrundlos – ohne eigenen historischen Echoraum. So verhallen sie, und keiner von ihnen bringt es je zum Papst. Nicht einmal zum Literaturpapst.

Grass hat mit der „Blechtrommel“ oder den „Hundejahren“ Weltliteratur geschrieben. Das bleibt, für immer. Nur das moralische Denkmal ist gestürzt. Das hat auch etwas Gutes. Denk mal selber! Ohne praeceptor Germaniae.

Denn jetzt kommt eine andere Zeit. Keine Wertewende. Aber was wir in dieser letzten Woche erlebt haben, ist in Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg und anderthalb Jahrzehnte nach der jüngsten Diktatur der Anfang einer übervaterlosen Gesellschaft. Das schafft Spielraum, öffnet einen neuen Freiraum. Auch wenn da noch ein Leerraum gähnt.

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