Politik : Überzeugte Europäer

Umfrage: Überwältigende Mehrheit in Polen sieht EU-Mitgliedschaft positiv

Knut Krohn

Warschau - Polnische Politiker sind streitbare Zeitgenossen. Ihnen scheint es ein Vergnügen zu sein, in losen Abständen rüde Verbalattacken gegen politische Feinde und bisweilen auch Freunde zu reiten. Dass bei diesen bisweilen sehr unschönen Grabenkämpfen auch die Europäische Union ihr Fett abbekommt, versteht sich von selbst. Läuft irgendetwas falsch im eigenen Land, ist der Sündenbock meist schnell gefunden: Brüssel. Zur Ehrenrettung sei bemerkt, dass sich die Macher in Warschau in dieser Hinsicht kaum von ihren Kollegen aus den anderen Hauptstädten Europas unterscheiden.

Erstaunlich allerdings ist, dass die polnischen Politiker die Stimmung des einfachen Volkes in Sachen EU offenbar falsch einschätzen. Die jüngste Umfrage für das Europabarometer ergab nämlich, dass 83 Prozent der Polen der festen Überzeugung sind, dass die EU-Mitgliedschaft ihrem Land nützt. Das heißt, dass die Sympathien gegenüber der Union geradezu dramatisch gestiegen sind. Zum Zeitpunkt der Erweiterung der Europäischen Union im Frühjahr 2004 unterstützten nur 42 Prozent der Polen den Beitritt des Landes.

Kritiker mögen behaupten, Brüssel habe sich diese EU-Euphorie teuer erkauft. Schließlich flossen im vergangenen Jahr fast fünf Milliarden Euro netto in Richtung Polen. Diese Erklärung wäre einleuchtend, greift in diesem Fall allerdings viel zu kurz. Die Eurobarometer-Umfrage belegt auch, dass das Vertrauen der Polen in die Institutionen der Union ausgesprochen hoch ist. Rund 60 Prozent der Befragten fühlen sich und ihre Interessen von der EU-Kommission und dem Parlament in Straßburg gut vertreten.

Die Abgeordneten in Brüssel können mit ihrer Arbeit also zufrieden sein – ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Warschau. Bei der Befragung wurde nämlich auch um eine Bewertung von deren Leistungen gebeten – und die Polen stellen ihrer eigenen Regierung ein beängstigendes Armutszeugnis aus. Nur 17 Prozent der Befragten erklärten, dass sie den Entscheidungen der polnischen Regierung vertrauten. Noch katastrophaler ist das Ergebnis für den Sejm. Lediglich zehn Prozent des Volkes ist der Ansicht, dass die Politiker im Parlament gute Arbeit abliefern.

Das heißt allerdings nicht, dass die polnischen Abgeordneten nun einpacken können. Brüssel soll sich um Umweltschutz oder grenzüberschreitenden Verkehr kümmern, so die Befragten. Das Gesundheitssystem oder der Arbeitsmarkt sollen dagegen in Warschau geregelt werden. Die polnischen Politiker kommen also mit einem blauen Auge davon – und dürfen trotz miserabler Noten weiterregieren.

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