Politik : Uhrenvergleich

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Mit den Uhren ist es komisch. Sie gehen überall anders. In Tuttlingen gehen sie anders, in Polen gehen sie anders, in der Inneren Mongolei gehen sie anders, und einer Bäckerfachzeitschrift haben wir unlängst entnommen, dass sie im Bäckerhandwerk auch anders gehen. Vermutlich ein paar Stunden vor, damit die Bäcker sich nicht so müde fühlen, wenn sie tief in der Nacht aufstehen müssen.

Noch viel anderser gehen die Uhren aber bei der SPD. Die SPD hat nämlich, grob gesprochen, deren zwei. Die eine stammt von August Bebel, eine goldene, sagenumwobene. Bebel hat sie 1913 einem befreundeten Schweizer Sozialdemokraten geschenkt, aus Zürich ist sie 1963 zurück nach Deutschland gewandert, in die Hände Willy Brandts. Immer wenn die deutsche Sozialdemokratie seither auf das Chronometer zu sprechen kommt, versichert sie, dass Bebels Uhr bis zum heutigen Tag „auf die Sekunde genau“ gehe. Was zwar eigentlich nur ein gutes Licht auf den Uhrmacher wirft, von dem keiner weiß, ob er nicht am Ende ein Monarchist gewesen ist. Aber im Stolz auf das Präzisionswerk schwingt die Gewissheit mit, dass die Uhr der SPD eben nicht anders geht, sondern auf der Höhe der Zeit ist.

Doch diese Höhe, sie variiert bekanntlich. Im 140. Jahr ihres Bestehens ist die Sozialdemokratische Partei Deutschlands eine andere als zu Bebels Tagen. „Jede Zeit braucht ihre eigenen Antworten“, hat auch jener Versandhandel namens Image-Shop erkannt, der SPD-Mitglieder und Ortsverbände mit Wahlkampfmaterial und Nippes versorgt. Darum gibt es dort jetzt die Jubiläumsuhr. Auf dem rot grundierten Ziffernblatt stehen „140 Jahre SPD“ sowie die beiden Jahreszahlen 1863 und 2003. Aber man kann das die meiste Zeit nicht erkennen, denn als Sekundenzeiger dreht sich eine spezielle Folie, die nur in einer Stellung durchsichtig wird, den Aufdruck ansonsten aber stufenlos bis fast zur Schwärze verdunkelt. „Alle 30 Sekunden“, erläutert der Werbetext, „erscheint das polarisierende Bild der SPD auf dem Ziffernblatt“. Die SPD, alle 30 Sekunden polarisierend und dazwischen in Düsternis versinkend – sie werden sich schon was dabei gedacht haben.

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