Ukraine : Das Gift des Wahlkampfs

In der Ukraine wurde 2004 auf den prowestlichen Oppositionsführer und heutigen Präsidenten Viktor Juschtschenko ein Dioxinanschlag verübt. Nun gibt es neue Erkenntnisse.

Knut Krohn[Warschau]
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JuschtschenkoPool

In Bruchstücken kommt jetzt ans Licht, was am 6. September 2004 in der abgelegenen Datscha geschah. Nun steht fest: der damalige prowestliche Oppositionsführer Viktor Juschtschenko wurde bei einem Abendessen mit dem stellvertretenden Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU Wolodimir Sazjuk absichtlich mit Dioxin vergiftet. Das Mittel war so rein, dass es nur in einem speziellen Labor hergestellt werden konnte, heißt es in einer im medizinischen Fachblatt „Lancet“ veröffentlichten Untersuchung. Es handle sich um TCCD, die giftigste Dioxinverbindung, die auch in dem von den US-Streitkräften im Vietnamkrieg verwendeten Entlaubungsgift Agent Orange enthalten sei. Im Körper von Jutschtschenko wurden Dioxinwerte gemessen, die 50 000 Mal höher waren als normal – noch nie hatte ein Mensch zuvor solch eine Vergiftung überlebt. Die Krankheit hat den heutigen Präsidenten der Ukraine schwer entstellt.

Maßgeblich beteiligt an der Studie waren die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und die Universitätsklinik Genf. Für die Untersuchung ließ sich der ukrainische Präsident über drei Jahre mehr als 100 Proben von Blut, Urin, Stuhl, Schweiß, Haut, Hautzysten und Fettgewebe entnehmen, wie die Empa mitteilte. Die Arbeit sei nur dank der Zusammenarbeit mit Juschtschenko möglich gewesen, der auch der Veröffentlichung der Resultate zugestimmt habe.

Eine der entscheidenden Fragen aber ist noch immer unbeantwortet: woher kam das Dioxin, das dem Kandidaten des orangefarbenen Bündnisses verabreicht worden war? Viktor Juschtschenko selbst hat in den vergangenen Jahren immer wieder russische Quellen ins Spiel gebracht, konnte aber keine Beweise für seine Anschuldigungen liefern. Doch es gibt viele Indizien, die für diese Theorie sprechen: Juschtschenko hatte sich 2004 dem Volk als Mann präsentiert, der die Ukraine aus dem russischen Würgegriff lösen und in Richtung Westen führen würde – was ihm die Feindschaft des damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin einbrachte, der Jutschtschenkos Gegner Viktor Janukowitsch offen unterstützte. Zudem habe sich Juschtschenkos Gastgeber, Geheimdienstchef Sazjuk, nach dem Anschlag nach Russland abgesetzt. Auch beklagte der amtierende Präsident der Ukraine immer wieder, dass Moskau die Aufklärung des mysteriösen Falles gezielt torpediere. Diese Theorie erhält nun neue Nahrung, da Russland zu den wenigen Ländern gehört, die Dioxin nach der Formel produzieren, der die Funde bei Juschtschenko entsprechen.

Nach der Veröffentlichung des Schweizer Berichtes haben sich aber auch die Gegner des ukrainischen Staatschefs zu Wort gemeldet. Sie sehen einen Schachzug Juschtschenkos im erbittert geführten Wahlkampf. Er wolle so seinem als prorussisch eingestuften Kontrahenten Viktor Janukowitsch schaden, der als einer der Favoriten für die Präsidentschaftswahl im Februar 2010 gilt. Schon einmal, kurz vor der Parlamentswahl im Jahr 2007, hatte Juschtschenko neue Erkenntnisse über den Giftanschlag präsentiert und schwere Vorwürfe an die Adresse Moskaus gerichtet. Damals gewannen die Protagonisten der Orangenen Revolution die Abstimmung. Die „Partei der Regionen“ von Janukowitsch sitzt seitdem in der Opposition.

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