Ukraine : Freiwillige für einen aussichtslosen Kampf

Kiew weiß, dass ein Krieg gegen Russland nicht zu gewinnen wäre. Dennoch mobilisiert die neue Regierung – und Oligarchen spenden patriotisch.

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Mitglieder einer ukrainischen Spezialeinheit bei einem Einsatz am 1. April in Kiew.
Mitglieder einer ukrainischen Spezialeinheit bei einem Einsatz am 1. April in Kiew.Foto: dpa

Bewaffnete Militäreinheiten, prorussische und proukrainische Truppen sowie paramilitärische Gruppen prägen das Bild in vielen Teilen der Ostukraine. Die von Interimspräsident Alexander Turtschinow seit Tagen angekündigte Militäraktion hat begonnen.

Mit dem Anrücken ukrainischer Truppen hat sich der Konflikt in der Ostukraine verschärft, denn die Besatzer, paramilitärische, gut ausgestattete und organisierte Gruppen, die seit über einer Woche öffentliche Gebäude in der Region und in der Stadt Donezk besetzt halten, machen keinerlei Anstalten aufzugeben, im Gegenteil.

Aus der Ostukraine kommen Augenzeugenberichte von Plünderungen und Gewaltandrohungen gegenüber Zivilpersonen. Vor allem in der Stadt Slowjansk, wo am Samstag das Polizeihauptquartier und andere öffentliche Gebäude besetzt wurden, sollen reihenweise Geschäfte geplündert worden sein. Die Schulen und Kitas sind geschlossen, der öffentliche Nahverkehr ist eingestellt. Am Dienstag machten Berichte die Runde, wonach Bewohner systematisch von maskierten Uniformierten verprügelt werden, zudem werde in Häuser eingedrungen und die Bewohner ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ein Mann aus Slowjansk berichtet dem lokalen Fernsehen, er sei von Bewaffneten bedroht worden, sie hätten sein Geld und seine Papiere gefordert. Als er dann offen sagte, er befürworte die Einheit der Ukraine, hätten die Männer ihn mit einer Waffe bedroht und angekündigt, sie würden mit Verstärkung wiederkommen, um ihn zu erschießen.

Ukrainer werden angeblich zur Kollaboration gezwungen

Der ukrainische Geheimdienst (SBU) hat mitgeteilt, man habe mehrere Aufzeichnungen von Telefonaten und Funkverbindungen, die eindeutig bewiesen, dass russische Kommandogruppen ukrainische Bürger, vor allem Mitarbeiter von Polizei und Militär, zum Überlaufen treiben. In vielen Fällen hätten sie Erfolg, es gebe aber auch Ukrainer, die sich weigern. Sie würden laut SBU unter Gewaltanwendung gezwungen, ebenfalls überzulaufen.

Doch nicht nur aus Slowjansk werden Ausschreitungen gemeldet. Auch in den seit Montag besetzen Gebäuden in Gorliwka hat der Militäreinsatz der ukrainischen Führung noch keine Ergebnisse gebracht. Dort halten bewaffnete Einheiten die Polizeistation und das Büro der Stadtverwaltung besetzt. In acht weiteren Städten der Region Donezk schwelen die Unruhen weiter. In der Stadt Andrejewka nahe Slowjansk ist das Gebäude der Stadtverwaltung komplett abgebrannt, wer die Täter sind ist unbekannt.

Die Regierung in Kiew wirkt verunsichert. Obwohl sich die politische Führung im Klaren darüber ist, dass das Land eine militärische Auseinandersetzung mit Russland nicht gewinnen kann, sind laut einem Bericht des Verteidigungsministeriums seit Anfang April 19 000 Männer eingezogen worden. Verteidigungsminister Nikolai Kowal sagte im ukrainischen Fernsehen, sie würden geschult und auf ihre Aufgaben vorbereitet.

In der Ostukraine erhalten die Streitkräfte finanzielle Hilfe von Unternehmern, auch die Oligarchen sollen sich laut Zeitungsberichten an der Bezahlung der Truppen beteiligen.

Die Unternehmerin beschafft, was die Truppe braucht

Die größte ukrainische Tageszeitung „Segodna“ berichtete vor ein paar Tagen, dass der Gouverneur von Dnjpropetrowsk, der Milliardär Igor Kolomoiskij, das Militär aktiv unterstützt. Auch der Regierungschef von Donezk, Sergej Taruta, beteiligt sich an der Finanzierung der Truppen. Aber auch lokale Geschäftsleute wie Irina Fedorowa, Geschäftsführerin der Donezker Firma Makeewka Stahl (MZMK), die für den internationalen Markt große Stahlanlagen wie Lagertanks für die Erdölindustrie herstellt, helfen aus eigener Tasche. „Ich fahre mehrfach in der Woche zu unseren ukrainischen Truppen, die in der Region ihr Camp aufgeschlagen haben und sehe nach dem Rechten“, sagte die resolute Frau. Mit Fahrer und zwei BWM-Geländewagen war sie vor ein paar Tagen bei einer Gruppe von 400 Soldaten, die im Dorf Nowi Swest, rund 15 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze, ihr Lager aufgeschlagen hat. „Ich erkundige mich nach dem, was die Truppe braucht, das beschaffe ich dann. Das ist meine Pflicht, ich bin eine ukrainische Patriotin“, sagte Irina Fedorowa dem Tagesspiegel.

Ein ähnliches Lied singt die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Sie hatte Anfang der Woche den Westen aufgerufen, der Ukraine mit militärischer Hilfe beizustehen. Die USA scheinen bereit zu sein, das Land mit Waffen und Know-how zu unterstützen. Am Dienstag kündigte die frühere Premierministerin an, dass sich die Mitarbeiter ihrer Partei freiwillig zum Militärdienst melden sollen. Anstatt die Wahlkampfkampagne zu organisieren, werden die Parteibüros der von Timoschenko angeführten Vaterlandspartei in den ostukrainischen Regionen Dnjpropetrowsk, Saporischschja und Charkiw die Freiwilligenbüros zur Rekrutierung unterstützen. Alle Partei-Beschäftigten, die Erfahrungen im Polizeidienst oder Militär haben, sollen die Truppen unterstützen, heißt es in einem Schreiben der Timoschenko-Partei.

Die Enttäuschung der Jungen

Timoschenkos Parteifreunde, Übergangspräsident Alexander Turtschinow und Ministerpräsident Arseni Jazenjuk, sind in den vergangenen Wochen für ihr defensives Verhalten im Umgang mit der Krim-Annexion kritisiert worden. Ein Großteil der ukrainischen Bevölkerung will nicht ein weiteres Mal erleben, wie Russland sich Teile der Ukraine einverleibt, ohne jede Form von Gegenwehr zu erfahren.

Vor allem junge Menschen sind enttäuscht, dass die Europäische Union und der Westen nicht aktiv helfen. „Warum hören wir von den demokratischen EU-Ländern nur warme Worte, wieso weisen sie Russland nicht mit wirtschaftlichen Mitteln in die Schranken“, fragt sich Igor Valentinow. Der junge Mann ist Student an der Technischen Universität von Donezk. Valentinow ist in Odessa zu Hause und fühlt sich als Ukrainer. „Ich bin bereit, meine Heimat aktiv zu verteidigen“, sagt der 21-Jährige.

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