Ukraine : Immer mehr Behörden von Pro-Russen besetzt

Zugleich mit der Militäraktion Kiews im Osten liefern sich Regierung und Separatisten eine Propagandaschlacht. Die OSZE-Geiseln bleiben verschwunden

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Ukrainischer Soldat beobachtet pro-russische Milizen auf der Straße nach Slowjansk.
Ukrainischer Soldat beobachtet pro-russische Milizen auf der Straße nach Slowjansk.Foto: AFP

In der ostukrainischen Stadt Slowjansk ist es erneut zu schweren Kämpfen zwischen Soldaten der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten gekommen. Die Übergangsregierung spricht von einer Anti-Terror-Aktion, für die Rebellen ist es ein „Angriff der Faschisten aus Kiew“. Ziel der ukrainischen Armee dürfte wohl die Festnahme von Igor Gurkin, Kampfname „Igor Strelkow“ („der Schütze“), sein. Der Mann mit dem Schnurrbart ist Offizier beim russischen Auslandsgeheimdienst und Kommandeur der bewaffneten Rebellen in der Ostukraine.

Beide Seiten warnen mit fast gleichen Worten - voreinander

Die Aktion der ukrainischen Armee begann in der Nacht, bereits am frühen Morgen wurden über Slowjansk zwei Hubschrauber des ukrainischen Militärs von den Separatisten abgeschossen. Die Rebellen verwendeten schwere Waffen. Es gab Opfer, offiziell ist von zwei toten ukrainischen Soldaten die Rede, bei den Separatisten sollen sechs Männer ums Leben gekommen sein, auf beiden Seiten gab es Verletzte.
Der selbst ernannte Bürgermeister der Stadt, Wjatscheslaw Ponomarjow, drohte in einem Video, er habe die Menschen in Donezk auf seiner Seite, die Angreifer, die Kiew geschickt hat, würden „eine Abreibung erhalten“. Frauen, Alte und Kinder sollten heute besser zu Hause bleiben. Die Stadt wirkte wie gelähmt, das öffentliche Leben war stark eingeschränkt, es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel, auch frische Lebensmittel fehlten in einigen Geschäften.

Der ukrainische Geheimdienst SBU warnte die Bewohner in Slowjansk ebenfalls – vor „verminten Straßen“ und vor „Scharfschützen“. In der gesamten Stadt laufe derzeit bis auf unbestimmte Zeit, eine „Anti-Terror-Aktion“ des Militärs. „Gehen Sie nicht vor die Tür, es besteht Lebensgefahr“, hieß es in Hinweisen, die das ukrainische Radio sendete.

Und wieder werden Journalisten entführt

Laut dem ukrainischen Innenminister lieferten sich Soldaten der Armee und Rebellen den gesamten Tag über Kämpfe in Slowjansk, verschiedene Stellen in der Stadt waren Schauplatz. Angeblich soll die ukrainische Armee zehn Kontrollpunkte zurückerobert haben, auch ein Fernsehsender und der Bahnhof waren umkämpft. Der Bahnverkehr kam in weiten Teilen der Region Donezk komplett zum Erliegen. Auch in Kramatorsk, dort befindet sich ein großes Waffenlager der ukrainischen Armee, fuhren am Freitag keine öffentlichen Verkehrsmittel; die Stadt soll laut Medienberichten wie „ausgestorben“ gewirkt haben.
Die Lage in der Region wird von Medien und Augenzeugen als sehr angespannt beschrieben. Am Vormittag waren vier amerikanische und englische Journalisten und mehrere ukrainische Mitarbeiter von Separatisten festgenommen worden. Am Nachmittag waren die Reporter, die für CBS, Sky News und Buzz Feed aus der Ukraine berichten, wieder frei.
In mehr als einem Dutzend Städte in der Ostukraine halten Separatisten inzwischen Gebäude besetzt oder nehmen neue ein. Die am Donnerstag gestürmte Staatsanwaltschaft in der Stadt Donezk wurde am Freitag zwar wieder geräumt, aber dafür besetzten 40 Bewaffnete die Stadtverwaltung in Stachanow, einer 75 000-Einwohner-Stadt in der Region Lugansk. In Krasnoarmijsk (65 000 Bewohner) im Gebiet Donezk überfielen Vermummte eine Lagerhalle des Innenministeriums, um zwei Panzerfahrzeuge in ihre Gewalt zu bringen, doch der Versuch scheiterte.

Gerüchte über ein VIP-Gefängnis

Wie es den sieben entführten OSZE-Militärbeobachtern geht, ist unbekannt. Gestern hatte ein Bericht eines Mannes für Aufsehen gesorgt, der dem ukrainischen Fernsehsender Gromadske TV erzählte, er sei mehrere Tage von den prorussischen Rebellen in einem Gefängnis festgehalten worden. Unter den Gefangenen sei das Gerücht umgegangen, im gleichen Gebäude gebe es eine Zelle für „Vip-Häftlinge“, damit seien ausländische Geiseln und hochrangige Ukrainer gemeint. Der Mann, dessen Identität nicht genannt wurde, konnte keine Angaben darüber machen, wo sich das Gebäude mit der Zelle befunden hat. Er sei mit verbundenen Augen und gefesselt in einem Auto dorthin gebracht worden. Nach mehreren Tagen wurde er nachts freigelassen. Solche und immer neue Meldungen zu angeblichen oder tatsächlichen Kriegsvorbereitungen verunsichern die ukrainische Bevölkerung.
In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai hat es vor der Hauptstadt Kiew ein großes Militärmanöver gegeben, schreibt die seriöse Internetzeitung „Ukrainska Prawda“, auch westliche Diplomaten bestätigen das. Zudem wurden in Kiew die Sirenensignale ausprobiert, seit Wochen kursieren Berichte, dass Bunker für den Einsatz vorbereitet werden.

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