Politik : Ukraine: Papst gedenkt Holocaust-Opfern

Klaus Bachmann

Hunderttausende Menschen sind Papst Johannes Paul II. während der ersten beiden Tage seiner Ukraine-Reise gefolgt und haben sich an Gottesdiensten des lateinischen und byzantinischen Ritus beteiligt, die der Papst in Kiew in ukrainischer Sprache abgehalten hat. Während sich Anhänger der beiden ukrainischen orthodoxen Kirchen sehr positiv über die Visite äußerten und auch orthodoxe Gläubige an den Treffen mit dem Papst teilnahmen, boykottierte der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine ein Treffen des hohen Gasts aus Rom mit Vertretern der verschiedenen Religionen in Kiew am Sonntagabend.

Johannes Paul II. ist es trotzdem gelungen, die Ukrainer für sich einzunehmen. In den ukrainischen Medien gab es sogar Berichte, wonach der "polnische" Papst ukrainischer Abstammung sein soll. Tatsache ist, dass er ein sehr literarisches Ukrainisch spricht, das frei von Russismen ist und allein schon damit bei seinen Predigten und Reden in Kiew großen Eindruck gemacht hat. Er rief die Ukrainer zur geistigen Erneuerung auf und erinnerte an die christlichen Wurzeln des Landes, das im 10. Jahrhundert von Byzanz das Christentum übernommen hatte und damit noch lange vor Moskau Zentrum des östlichen Christentums wurde. Zugleich gedachte er beim Treffen mit Vertretern aller in der Ukraine vertretenen Glaubensrichtungen der Judenvernichtung und der Repressionen des stalinistischen Regimes.

Eine Annäherung an die russische orthodoxe Kirche und deren Oberhaupt, den Moskauer Patriarchen Aleksij II, dem ein Teil der ukrainischen Orthodoxie untersteht, hat der Papstbesuch aber nicht gebracht - im Gegenteil. Aleksij fuhr während des Papstbesuchs demonstrativ nach Brest (Weißrussland), offiziell um dort des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges zu gedenken. Dort rief er zur Vereinigung Russlands, der Ukraine und Weißrusslands auf und traf sich sogar mit dem weißrussischen Diktator Aleksander Lukaschenko. Brest ist zugleich auch der Ort, an dem zu Ende des 16. Jahrhunderts die so genannte "Union von Brest" geschlossen wurde, in der sich der westliche Teil der Orthodoxie dem Papst unterstellte. Dabei entstand die mit Rom "unierte Kirche", die der russischen Orthodoxie bis heute ein Dorn im Auge ist. Sie verdächtigt Rom, mit der unierten Hilfe der Orthodoxie Gläubige abzuwerben. Für die ukrainische Nation und das seit 1991 unabhängige Land sind die Unierten hingegen eine Art Nationalkirche, zu deren Stärkung der Papstbesuch beitragen soll.

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