Ukraine : Proffessor Janukowitsch

Ukrainische Politiker schmücken sich gerne mit Titeln – oft mit gefälschten. Jetzt will Innenminister Juri Lutsenko hart durchgreifen.

Knut Krohn[Warschau]

Juri Lutsenko hat die Nase endgültig voll. Er werde jetzt hart durchgreifen, erklärte der entnervte ukrainische Innenminister in Kiew mit drohender Stimme. Er werde alle Abschlussurkunden und Diplome sämtlicher hoher Beamten und Minister des Landes überprüfen lassen. Diese überraschende Ankündigung löste allerlei Aufregung in den ansonsten eher betulichen ukrainischen Amtsstuben aus. Doch der Innenminister duldet keinen Widerspruch. In diesen Wochen tauchen nämlich immer wieder Berichte auf, dass sich manch einer der hohen Würdenträger mit falschen Federn schmückt. Damit soll nun Schluss sein, fordert der Law-and-Order-Mann. „Jeder muss die Abfrage des Innenministeriums über sich ergehen lassen und die notwendigen Informationen offenlegen“, erklärte Lutsenko in Kiew nach Angaben der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian. Es handle sich schließlich um einen Kampf gegen die organisierte Kriminalität, sagte der Innenminister zur Begründung.

Ins Rollen gebracht hat den Skandal der Fall von Andrej Kyslynsky. Der Vizechef des ukrainischen Gemeindienstes konnte nicht erklären, wie er zu seinem Hochschulabschluss in Geschichte gekommen ist. Er musste zurücktreten, gegen ihn wird inzwischen wegen Urkundenfälschung ermittelt. Dann aber kamen immer mehr Namen von Politikern und hohen Beamten ins Spiel. So wuchsen Zweifel an der Echtheit des Diploms des ehemaligen Justizministers Roman Zyarych, und sogar die Herkunft des Uniabschlusses des gegenwärtigen Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch soll nicht ganz geklärt sein. Seine Gegner machen sich noch immer über ihn lustig, weil er vor den Präsidentschaftswahlen 2004 seinen Beruf mit einem falsch geschriebenen „Proffessor“ angegeben habe.

Für viele Ukrainer gehört es zum täglichen Leben, immer wieder kleinere oder größere Beträge in einem Briefumschlag über die Tische wandern zu lassen. Geld entscheidet in zahlreichen Fällen über eine bessere Behandlung beim Arzt, einen früheren Termin für eine Operation oder die schnellere Bearbeitung eines Antrages auf dem Amt. Erzählt wird auch, dass in der Ukraine deshalb so häufig Unfälle im Straßenverkehr passieren, weil viele Führerscheine gekauft sind und die Fahrer die Verkehrsregeln schlicht nicht beherrschten.

Mikola Fomenko, im ukrainischen Bildungsministerium zuständig für die Regelung der Universitätsausbildung, unterstreicht, dass das Fälschen von Diplomen kein Kavaliersdelikt sei. Das sei nicht nur eine moralische Frage, sondern könne auch das Funktionieren der Wirtschaft oder der Regierung gefährden. „Wie kann ein Jurist mit einem gefälschten Abschluss überhaupt Recht sprechen?“ fragt er. Oder wie könne ein falscher Arzt ohne die nötige fachliche Qualifikation einen Patienten richtig behandeln?

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar