Uli Hoeneß: Ein Meinungsbild : "Halb-so-Wild" und "Hängt-ihn-auf"

Kommentare, Kritik - aber auch Beistandsäußerungen: Der Fall des Steuerhinterziehers Uli Hoeneß wird heftig diskutiert. Wir haben einige Kommentare zusammengestellt.

Fans halten zum Prozessauftakt vor dem Landgericht München Transparente mit der Aufschrift "Sulidarität" und "Milde für Uli Hoeneß" in die Höhe.
Fans halten zum Prozessauftakt vor dem Landgericht München Transparente mit der Aufschrift "Sulidarität" und "Milde für Uli...Foto: dpa

Die Deutschen Zeitungen nehmen verschiedene Positionen zur Causa Hoeneß ein. Die "Braunschweiger Zeitung" sieht den Rücktritt als letzte Chance und schreibt: "Nun hat er die letzte Chance, als Präsident (des FC Bayern) selbst zurückzutreten. Sonst wird er die Steuer-Affäre mit dem größtmöglichen Fehlschuss krönen: als Präsident, der vom Gefängnis aus führen will."

In der "Lausitzer Rundschau" (Cottbus) hingegen wird mit dem Steuersünder milder umgegangen: "Hoeneß und die Finanzbeamten - gewiss, das sind Äpfel und Birnen, sind verschiedene Fälle unterschiedlicher Tragweite. Auf den Einzelnen bezogen handelt es sich aber um zwei Tätertypen, die sich nicht unähnlich sind: Der eine verheimlicht, was er hätte sagen müssen, während der andere seine Nase in Dinge steckt, die ihn absolut nichts angehen. Suspekt sind beide. Oder würden Sie einem der beiden zum Beispiel Ihr Vermögen anvertrauen?"

Für die "Mitteldeutsche Zeitung" ist klar, dass es hier um ein größeres Problem geht: "Einer, der 50 Millionen Euro Steuern zahlt und damit 18,5 Millionen weniger, als er zahlen müsste, einer, der fünf Millionen Euro spendet und damit 13,5 Millionen Euro der Beute für sich behält, darf durchaus als Sozialschmarotzer angesprochen werden. Es ist ein Rätsel, warum dieses Wort vorzugsweise dann verwendet wird, wenn es darum geht, die Schwarzarbeit eines Hartz-IV-Empfängers zu geißeln."


Das "Flensburger Tageblatt" betont die Reichweite des Falls Hoeneß: "Schon jetzt hat der Fall einen Tsunami von Selbstanzeigen ausgelöst und dem Staat Millionen in die Kassen gespült. Und hoffentlich hat sich jeder Steuerzahler selbst die Frage gestellt, wann Unehrlichkeit beginnt - bei der nonchalanten Gestaltung von Spesen und Fahrkosten in der eigenen Steuererklärung oder erst in den Dimensionen, die Hoeneß bewegt?"

Im Blatt "Neue Presse" aus Hannover wird dieses Problem am Einzelschicksal statuiert: "So einen Absturz hat es im deutschen Fußball dennoch nie gegeben. Hoeneß war auf dem Weg zur moralischen Instanz und fühlte sich in der Rolle des zu Fleisch gewordenen Mahnfingers der Gesellschaft pudelwohl. Jetzt droht dem 62-Jährigen, der sich auf Augenhöhe mit der Kanzlerin wähnte und medial wirksam gegen Zocker-Manager und Gierbanker ins Feld zog, der brutale Abstieg. Natürlich kann dieser Prozess nicht zwischen einer Halb-so-Wild- und Hängt-ihn-auf-Mentalität geführt werden. Allerdings wächst der Druck nach den weiteren Eingeständnissen enorm und lässt arge Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Würstchen-Magnaten zurück. Das Gesetz gibt dazu klare Regeln. Die gelten für jeden - gerade für einen vermeintlichen breitschultrigen Klartext-Rhetoriker."

Die "Badische Zeitung" (Freiburg) sieht schwarz für die Zukunft von Hoeneß: "Er würde nach seiner spektakulären Offenbarung, weitaus mehr Steuern hinterzogen zu haben als angenommen, bei einer Verurteilung zu einem der größten Steuerkriminellen Deutschlands werden. (...) Typisch Hoeneß, könnte man sagen. Wenn er etwas anpackt, dann richtig. (...) Dass damit das Gefängnis einen großen Schritt näher gerückt ist, weiß er."

Im "General-Anzeiger" (Bonn) bleibt man diplomatisch und betont worauf es bei der Urteilsfindung ankommt: "Am Ende muss ein Urteil stehen, das die Rechtsordnung stärkt."

Für die "Nürnberger Zeitung" bleibt die Strategie hinter Hoeneß Taktik ein Myterium: "Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich: Ein Jahr hatte Uli Hoeneß Zeit, mit den besten Strafverteidigern, die für Geld zu haben sind, seine Verteidigung auszutüfteln. Und was kommt heraus: In der Verhandlung erklärt der Angeklagte, er habe nicht 3,5, sondern 18,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen. Wenn das eine geniale Strategie sein soll, so bleibt ihre Genialität fürs erste verborgen."

Für die "Leipziger Volkszeitung" ist das Verhalten des Bayern-München-Chefs Volksbetrug: "18,5 Millionen Euro, oder noch mehr, hat der Steuerhinterzieher vom Tegernsee der Allgemeinheit vorenthalten. Und das in einer Situation, da Arbeitslose, Rentner, Familien, Benachteiligte von Kürzungen staatlicher Leistungen durchgeschüttelt wurden. Der Staat ist an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gekommen. Aber Hoeneß zockte auf Teufel komm raus. Also mussten andere bluten. Hoeneß spielte sein krankhaftes Spiel am Ende eben doch auf Kosten der Allgemeinheit."

Auch Kirche und Politik äußern sich

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, warnte in den „Kieler Nachrichten“ vor einer Sondermoral für Prominente. Schneider sagte, beim Prozess in München gehe es auch um den einheitlichen ethischen Bewertungsmaßstab. "Trotz aller Verdienste um den deutschen Fußball: Daraus den Anspruch auf eine andere Moral abzuleiten, geht nicht."

Das sieht der bayerische Ministerpräsident Horst Seehhofer anders. Er ist sich sicher: Uli Hoeneß „wird behandelt wie jeder andere Bürger auch.“ Für Florian Pronold (SPD-Vorsitzender Bayern) ist das Verhalten von Hoeneß kein Kavaliersdelikt: "Uli Hoeneß hat seine Vorbild-Funktion mit Füßen getreten.(...) Steuerflucht ist kein Kavaliersdelikt, sondern die schlimmste Form asozialen Verhaltens."

Der Chef der Linkspartei, Bernd Riexinger, ist sich sicher: Hoeneß "kann nun keinesfalls weiter an der Spitze des FC Bayern bleiben. Ehrlich machen heißt zurücktreten."

Auch der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) zeigte fassungslos über Hoeneß Beschwichtigungsversuche: "Man kann nicht erst dem Fiskus Geld stehlen und sich dann anschließend dafür feiern lassen, was man damit für Wohltaten geleistet hat", sagte Walter-Borjans.

Der Jurist und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki glaubt im Steuer-Fall Uli Hoeneß nicht an eine Bewährungsstrafe. "Die Zahl alleine, 18 Millionen Euro, ist so schwerwiegend, dass mir der Glaube momentan fehlt, dass er eine Bewährungsstrafe erhalten kann."

Aus Wirtschaft und Sport

Der Münchner Wirtschaftsexperte und promovierte Jurist Manuel Theisen merkt an, dass es um viel mehr geht als um Hoeneß allein. „Es geht nicht nur um eine knapp fehlerhafte Selbstanzeige.“ Man müsse auch überlegen, ob es weitere Beteiligte gegeben haben könnte. "20 Millionen Euro. Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es einen Mann und ein Konto betrifft", sagte Theisen am Rande des Prozesses.

Der Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, Thomas Eigenthaler, sah in einem N24-Interview sogar schon eine "Gefängnisstrafe am Ende des Tunnels".

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Auch international ist der Fall Hoeneß ein Thema

Die Schweizer Zeitung "Tages-Anzeiger" schreibt: "Es ist gut möglich, dass Uli Hoeneß am FC-Bayern-Syndrom leidet. Der Club, den er maßgeblich zu seiner jetzigen Größe aufgebaut hat, ist im deutschen Fußball die unerreichbare Nummer 1. Rekordmeister, stinkreich, in der aktuellen Bundesliga-Tabelle 20 Punkte vor dem Zweitplatzierten. Viel Erfolg ist schön, zu viel Erfolg kann den Kopf vernebeln. Es ist kaum ein Zufall: Der Club schwebt im Fußballhimmel, der Chef jonglierte mit horrenden Summen und tut es als Marotte ab, die er jetzt rasch, rasch wieder in Ordnung bringen möchte. Der König des Rasens fühlt sich als König des Lebens. Für Uli Hoeneß ist es Zeit, aufzuwachen. Das Urteil fällt bald."

Im US-amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" glaubt man, dass der Fall Hoeneß zum Präzedenzfall werden könnte: "Das deutsche Recht ging bis jetzt weitaus wohlwollender mit Steuersündern um als das US-amerikanische. In diesem Sinne, könnte die Verurteilung von Herrn Hoeneß neue Wege ebnen. Es gibt bereits Hinweise darauf, dass die Richter mit dem Fall andere Zeiten einleiten wollen."

Und auch bei der "BBC" sieht Hoeneß Zukunft nicht all zu rosig aus: "Er bleibt eine beliebte Persönlichkeit. Viele Bayern-München Fans haben zwar ihr Verachtung über Hoeneß' Privatkonto geäußert, sagen aber auch, wie sehr sie ihn mögen und wie viel er für den Club getan hat. Die Anwälte werden wohl nicht so gütig sein."

Und ein Tagesspiegel-Leser hat sogar ein Gedicht geschrieben. Er wünscht sich: Enteignung statt Knast!

Langsam hat er was Obszönes,
dieser Hype um Uli Hoeneß:
Hinterzieht zigfach Millionen -
aber Viele wolln ihn schonen.
Verdienste hat der Mann - natürlich;
versteuert hat er sie nicht ehrlich.
Doch schickte man ihn in den Bau -
wem hülfe das schon? Keiner Sau!
Enteignung fände ich stattdessen
gerecht - und sozial angemessen...

(dpa/AFP/tsp)

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