Politik : Umberto Veronesi: Ein Grandseigneur erobert die Herzen der Italiener

Werner Raith

Geht man nach seinem Auftreten und seinem Äußeren, bietet sich nur ein Ausdruck an: Grandseigneur. Sieht man sich dagegen nur seine Gesetzesvorlagen, Dekrete und seine Invektiven an, glaubt man viel eher an einen ungebeugt gebliebenen Alt-Achtundsechziger, der sich mit gewaltigem Hedonismus auf die Mächtigen stürzt: Umberto Veronesi (74), von Beruf Arzt und medizinischer Leiter des Europäischen Onkologischen Instituts und derzeit parteiloser Gesundheitsminister, hat sich in den gut sechs Monaten seit seinem Amtsantritt mit so gut wie allen angelegt, die sich im Gesundheitswesen tummeln, von den niedergelassen Ärzten bis zu den Fachklinikern, von den Krankenkassen bis zu den Gesundheitsämtern, und wo es geht, sorgt er unbekümmert auch für den Bruch jahrzehntelang gepflegter Tabus.

Neuester Schlag: Beim nationalen Drogenkongress in Genua erklärte er ohne Umschweife, dass die "bisherige prohibitionistische Politik zu rein gar nichts" nütze sei, hielt den erstarrten Politikern und Antidrogen-Gurus die nackten Zahlen entgegen: "Ein paar Hundert Drogentote im Jahr, jawohl, aber 30 000 durch Alkohol Verstorbene und 80 000 durch Nikotin Hinweggeraffte". Dann setzte er noch eins drauf und rehabilitierte synthetische Drogen: "Wenn ich zwischen Heroin und Ecstasy wählen müsste, ich würde zu letzterem greifen", denn dabei gebe es besonders wenig "Abgänge".

Begonnen hatte er gleich nach Arbeitsaufnahme im April mit einer Offensive gegen das Rauchen, indem er es in allen geschlossenen Räumen mit öffentlichem Zugang verbot - in Büros, Amtsstuben, Bars und Restaurants. Das freilich hatten vor ihm schon viele versucht, auch mit Androhung massiver Sanktionen. Doch Veronesi packte die Sache anders als seine Vorgänger an: er droht nicht nur diejenigen, die das Verbot missachten, sondern macht haftbar, wer das Rauchen in seinen oder dem ihm anvertrauten öffentlichen Räumen zulässt. Seither muss jede Bar, jedes Amt, jedes Krankenhaus einen Rauch-Beauftragten ausweisen, dem massive Strafen drohen, sorgt er nicht hinreichend für die Beachtung des Verbotes. Selbst im Parlament war der Aufschrei riesengroß.

Dann legte er sich mit den Chefärzten an, die er vor die Wahl stellte, entweder im öffentlichen Dienst unter Verzicht auf die Behandlung von Privatpatienten zu arbeiten oder auszuscheiden, um ihre Privatpraxen zu betreiben, und kurze Zeit später nahm er sich, mit erkennbar steigendem Vergnügen, die gesamte Medizinerschaft vor: Jeder Arzt hat nun nachzuweisen, dass er auf der Höhe der modernen Medizin ist - innerhalb von jeweils drei Jahren muss er bei Fortbildungskursen mindestens 150 Punkte zusammenbekommen. Derzeit arbeitet sein Ministerium einen Katalog von Maßnahmen gegen Punkte-Resistente aus - die Sanktionen können danach bis hin zur Aberkennung der Krankenkassen-Zulassung reichen.

So versteht es sich irgendwie fast von selbst, dass er schon lange, bevor die neuen BSE-Skandale aufkamen, auf die "noch keineswegs gebannten Gefahren in diesem Bereich" hingeweisen hat - doch niemand wollte damals auf ihn hören. Und so wettert der derzeit denn auch von ganzen Herzen auf "diese regelrechte Kulturschande, dass es uns nicht gelungen ist, diese doch wahrhaft nicht schwer zu bekämpfende Seuche in den Griff zu kriegen".

Kein Wunder, dass Italiens Berufsintriganten bereits seit einer ganzen Weile daran arbeiten, den Donnervogel aus der Regierung zu hieven. Doch ihn zu kippen, wenn er nicht von selbst gehen will, dürfte schwer fallen: In den Umfragewerten über die Regierung liegt er derzeit als einziges Highlight in fast unerreichbaren Höhen der Volksgunst - mit acht von zehn erreichbaren Punkten; der nächstbeste kommt gerade mal auf fünf.

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