Umerziehungscamps in Pakistan : Computerkurse für Taliban

Zwei Jahre lang führten die Taliban im pakistanischen Swattal eine islamistische Terrorherrschaft. Nach ihrem Rückzug will die pakistanische Armee die ehemaligen Kämpfer und Mitläufer für sich gewinnen. In Umerziehungscamps.

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Die Unterlagen sind auf Englisch, die jungen Männer (meist Arbeiter oder Bauern) können aber nur Paschtu oder Urdu. Computerexperten werden sie auch nach drei Monaten nicht sein. Aber sie sollten dann eine ordentliche Bewerbung schreiben können, meint der pakistanische Major.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Ingrid Müller
07.11.2011 08:58Die Unterlagen sind auf Englisch, die jungen Männer (meist Arbeiter oder Bauern) können aber nur Paschtu oder Urdu....

Khan lächelt und sein Blick streift sehnsüchtig in die Ferne. „Der Swat River singt“, sagt er und legt seinen Kopf schräg, als könne er so besser lauschen. „Mal ist es ein raues Lied, wenn ein kräftiger Wind weht und die Menschen aufpassen müssen, dass sie nicht in den Fluss hineinfallen, denn dann sind sie in ein paar Minuten erfroren. Ein anderes Mal singt er ein sanftes Lied. Sie müssen ihm nur zuhören.“

Khan, ein junger Pakistaner, liebt seine Heimat, das Swattal an der Grenze zu Afghanistan. Die Welt kennt es als Tal der grausamen Taliban. Aber es ist auch ein reizvoller Ort.

Mit väterlicher Geste legt Oberst Irfan, ein Hüne von fast zwei Metern, seinen Arm um einen schmächtigen jungen Mann mit sorgsam gestutztem dunklen Bart. Der Offizier trägt Flecktarn sowie eine randlose Brille und ist ein gebildeter, weit gereister Mann; in den 90ern ist er per Interrail durch Europa gefahren. Inzwischen befehligt er die pakistanische Armee in Paithom im oberen Swattal. In jener Region, die 2007 von den Taliban erobert wurde, um hier eine islamistische Terrorherrschaft zu errichten, erst 2009 konnten sie wieder vertrieben werden.

Oberst Irfan vermeidet jede militärische Schärfe. Pakistans Armee gibt sich, zumindest Ausländern gegenüber, zivil und umsichtig. Der junge Mann in Irfans Arm blickt scheu unter einer kamelfarbenen Paschtunenmütze hoch. Er nennt sich Hussein, niemand soll wissen, wer er wirklich ist. Er hat Angst, jemand von den Taliban könnte ihn erkennen und töten, denn er war einer von ihnen.

Hussein lebt für drei Monate im De-Radikalisierungscamp der 19. Division der Armee. So lange dauert der Kurs, der ihn wieder zu einem „nützlichen Mitglied der Gesellschaft“ machen soll, wie es sein Mentor Oberst Irfan formuliert. Irfan präsentiert den jungen Mann nicht ohne Stolz. Hussein ist einer von 850 festgesetzten Männern, die im vergangenen Jahr einen solchen Kurs absolviert haben. Hier will Pakistan seinen Kritikern zeigen, dass es entgegen allen internationalen Vorwürfen nicht gemeinsame Sache mit den radikal-islamischen Taliban macht, sondern konsequent gegen sie vorgeht. Irfan nennt seine Schützlinge „Begünstigte“, nur einmal rutscht ihm doch das Wort „Terrorist“ heraus.

Das Camp von Paithom nahe der Provinzhauptstadt Mingora liegt malerisch auf einem Hügel, die hellen Gebäude gehören zu einem ehemaligen Hotel. Und manchmal träumen die Menschen hier, Menschen wie Khan, davon, dass es wieder wie früher sein könnte, als man zu ihnen kam, um Ferien zu machen, sich zu erholen.

Die Pakistaner nennen das Swattal mit seinen grünen Bergen und dem wilden Fluss auch Kleine Schweiz. Die Hotels stehen ja noch, sie heißen White Palace, Rock City Resort und Swat Serena. Sogar einen kleinen Vergnügungspark mit Riesenrad und Kinderachterbahn gibt es. Das Swattal könnte sofort wieder Feriendomizil werden. Die Landschaft ist da – und an der Sicherheit wird gearbeitet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, mit welchen Versprechen die Taliban ihre Kämpfer rekrutierte.

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