Umfrage : Patienten sehen Verschlechterung im Gesundheitswesen

Eigentlich sind die Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden. Doch in einer neuen Umfrage zeigen sich auch die Schwachstellen: Zu anonym, zu lange Wartezeiten bei Fachärzten - und Kassenpatienten sind unzufriedener als Privatversicherte.

Berlin 85 Prozent der Bundesbürger bewerten die Gesundheitsversorgung in Deutschland positiv - jeder Vierte ist sogar sehr zufrieden. Doch Patienten fühlen sich oft zu wenig betreut und zu häufig Apparaten sowie langen Wartezeiten ausgesetzt. Die Versorgung hat sich nach Ansicht von 41 Prozent der Bürger in den vergangenen Jahren verschlechtert. Nur 14 Prozent sehen Verbesserungen, teilte die Wirtschaftsberatung Ernst & Young am Dienstag in Berlin mit. Dabei gebe es Hinweise für Zwei-Klassen-Medizin: Während nur 31 Prozent der Privatversicherten nachlassende Qualität beklagen, tun dies 43 Prozent der gesetzlich Versicherten. 2000 Menschen wurden repräsentativ befragt.

Kassenpatienten fühlen sich benachteiligt

In Brandenburg, Bremen und Hessen klagen sogar 50 Prozent oder mehr über Verschlechterungen. Kassenpatienten fühlen sich vor allem bei der Wartezeit deutlich benachteiligt. So beklagen 52 Prozent der gesetzlich Versicherten, sie müssten bei Fachärzten zu lang warten - dagegen sind 70 Prozent der Privatversicherten zufrieden.

Qualität, Diagnostik, Ausstattung und Freundlichkeit schätzen jeweils zwischen 85 und 94 Prozent der Kassen- und Privatpatienten als eher gut oder gut ein. Mehr als vier Fünftel der Kassenpatienten zeigten sich zufrieden. Ostdeutsche sind allerdings unzufriedener als Westdeutsche mit der Versorgung.

Der Hausarzt ist Vertrauensperson

Das Bundesgesundheitsministerium wertete die Ergebnisse als positiv. "Es ist ein gutes Zeichen, dass die Versicherten mitten in einer Wirtschaftskrise der solidarischen Krankenversicherung positive Noten geben", sagte Sprecher Klaus Vater. "Wo es noch Defizite gibt - etwa in Gebieten mit Unterversorgung - muss die Selbstverwaltung alle Möglichkeiten nutzen, um Besserungen zu erzielen."

Als überraschend werteten die Experten das relativ schlechte Ansehen hochtechnisierter Universitätskliniken. So vertrauen nur 70 Prozent Ärzten dieser Häuser, 78 Prozent Ärzten an Allgemeinkliniken, 89 den Fachärzten - und 93 Prozent ihrem Hausarzt. "Letztlich stehen Krankenhäuser für anonyme Hochleistungsmedizin", sagte der Gesundheitsexperte Nils Söhnle. Die Unternehmensberater empfahlen den Kliniken im Wettbewerb, stärker auf Betreuung zu setzen. Patienten müssten das Gefühl bekommen, umsorgt zu werden. Die von Ministerin Ulla Schmidt (SPD) betriebene Stärkung der Stellung des Hausarzts begrüßten die Experten, da diese Allgemeinmediziner als Vertrauensperson angesehen würden. (jnb/dpa)

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