Politik : Umfragen zeigen Sympathiewerte zwischen 28 und 51 Prozent - Putin schwenkt um

Elke Windisch

Mit diesen Ergebnissen hatte niemand gerechnet: Umfragen, die das allrussische Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung bereits Ende Januar durchführte, ergaben, dass 28 Prozent aller Russen für eine umfassende Zusammenarbeit mit der Nato sind. Neun Prozent befürworten sogar eine Mitgliedschaft. Für Blockfreiheit sprachen sich 28 Prozent der Befragten aus. Nur 17 Prozent fordern ein von Russland geführtes Militärbündnis, das sich als Gegengewicht zur Nato versteht. 18 Prozent wollten sich nicht festlegen.

Bei der Neuauflage der Umfrage Ende Februar sprachen sich sogar fast 51 Prozent und damit eine hauchdünne Mehrheit für ein gutes Verhältnis zur Nato aus. Allerdings nur dann, wenn dabei die Interessen Russlands gewahrt und Moskau nicht zum Juniorpartner degradiert würde. Ihr persönliches Verhältnis zu den USA und dem Westen überhaupt definierten 66 Prozent der Befragen als "gut", nur 22 Prozent als "schlecht oder eher schlecht".

Nie, so resümieren die Meinungsforscher, habe die Nato innerhalb der letzten vier Jahre bei den Russen derartig gute Karten gehabt. Das ist ihrer Meinung nach um so erstaunlicher, weil sich die offizielle Außen- und Sicherheitspolitik Moskaus spätestens seit Beginn der Diskussion um die Nato-Osterweiterung Mitte der Neunziger eher auf eine Neuauflage der Blockkonfrontation orientierte. Auf dem Höhepunkt der Kosovo-Krise im vorigen Jahr setzte der Kreml sämtliche Kontakte zur Nato sogar aus.

Präsident Putin, so der Tenor der meisten Medien, habe die Umfrageergebnisse vor der Veröffentlichung gekannt und die Befragung womöglich selbst in Auftrag gegeben. Anderenfalls, so die "Iswestija", hätte Russlands Interimspräsident in der BBC-Talkshow wohl kaum eine derartig "schockierende Kehrtwende" vollzogen. Dass Putin sich als Atlantiker outen würde, hatte in Moskau in der Tat niemand erwartet. Zwar geben die beispiellos hohe Zustimmungsraten Putin, der China kurz vor dem BBC-Interview als "prioritären strategischen Partner" bezeichnete, die Chance, sich je nach Bedarf dem Osten oder dem Westen zuzuwenden. Ein Restrisiko bleibt dennoch.

Nur wenn Putin es schafft, bereits aus dem ersten Präsidentschafts-Wahlgang als klarer Sieger hervorzugehen, entfällt die Notwendigkeit, sich mit der Opposition zu arrangieren. Mit seiner Verbeugung Richtung Westen kommt er diesem Ziel aber nur bedingt näher. Für den Zulauf aus den Lagern liberaler Mitbewerber wie Jawlinski und dem Gouverneur von Samara, Titow, dürfte er mit herben Einbußen am linken Flügel bezahlen. Als Gegenleistung für die Bereitschaft Russlands zur Öffnung mag sich Putin zudem vom Westen neue Kredite versprechen.

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