Umgangsformen und Schamgrenzen : Ohne Verbote keine Kulturleistungen

Umgangsformen verlieren allgemein an Bedeutung. Aber wenn die Schamgrenzen so niedrig sind, dass sich dahinter nichts mehr aufstaut, wird man keine Kulturleistungen mehr erwarten können. Ein Essay.

Hans-Dieter Gelfert
Sie könnten sich ihrer Fremdenfeindlichkeit auch schämen. Tun sie aber nicht. Pegida-Anhänger in Dresden.
Sie könnten sich ihrer Fremdenfeindlichkeit auch schämen. Tun sie aber nicht. Pegida-Anhänger in Dresden.Foto: dpa

Nichts ist charakteristischer für unsere heutige Kultur als die Tendenz, jeden Formzwang zu sprengen und die eigene Persönlichkeit ungehemmt zu entfalten. Wo dies in extremer Form geschieht, nennt man es „die Sau rauslassen“. Den Drang, gegen Regeln zu verstoßen, hat es immer gegeben. Normen bedeuten Zwang, und Zwang wird allgemein als lästig empfunden.

Da der Mensch ein soziales Wesen ist, braucht er Umgangsformen, die sein Verhältnis zu den Mitmenschen regeln, doch ebenso sehr braucht er Ventile, die ihn von solchem Formzwang entlasten. Das vermutlich älteste Ventil ist das Lachen. Es ist so alt, dass es im Zuge der Evolution in den genetischen Code des homo sapiens eingegangen ist, denn nur der Mensch kann lachen, während seine nächsten Verwandten es nur zu einer leichten Bewegung der Gesichtsmuskulatur bringen, die als Entspannungssignal gedeutet werden kann.

Kant definierte das Lachen als „die plötzliche Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts“. Wenn Lachen eine psychische Spannung auflöst, wird es vor allem dort benötigt, wo Menschen auf so engem Raum zusammenleben, dass tagtäglich zwischenmenschliche Spannungen auftreten.

Das ist in besonderem Maße in Städten der Fall. Deshalb ist es kein Wunder, dass mit dem Aufstieg der Städte im Spätmittelalter das Aufblühen einer ausgeprägten Lachkultur einherging, der eine Normierung der Umgangsformen entgegenwirkte. Die Normierung diente von Anfang an dem Aufrechterhalten der Machthierarchie, denn der Höherrangige erwartete vom Niederrangigen zuallererst Respekt. Der aber verträgt sich schlecht mit dem Lachen, das selbst in seiner freundlichsten Form den Abstand zur Respektsperson einebnet.

Auflösung des Formzwangs in fast allen Gesellschaftsbereichen

Macht ist die Urspannung aller zwischenmenschlichen Beziehungen. Darum ist gerade hier das Lachen so wichtig, weil es gegen die Macht aufmuckt. Das bedeutet aber auch, dass die Mächtigen nicht gern an- oder gar ausgelacht werden. In streng vertikalen Gesellschaften hatten nur die an der Spitze und die ganz unten das Recht, ungeniert zu lachen.

Der Fürst, der in seiner Stellung ungefährdet war, durfte über seinen Hofnarren lachen, ohne fürchten zu müssen, dadurch sein Gesicht zu verlieren; und das gemeine Volk hatte kein Gesicht, das es verlieren konnte. Alle sozialen Ränge dazwischen unterlagen einer strengen Lachkontrolle bis hin zum Lachverbot. Insofern ist die Quantität des Gelächters in einer Gesellschaft ein Maß für die darin herrschende Freiheit.

Selbst heute noch gibt es für das Lachen Grenzen des Schicklichen. In früheren Zeiten gab es zeitlich befristete Öffnungen eines Entlastungsventils. Das bekannteste ist der Karneval. Heute erstreckt sich das karnevalistische Treiben über das ganze Jahr. Der Karneval selbst ist nur ein besonderer Gipfel, zu dem sich andere karnevalistische Großereignisse wie die Love Parade und das Münchener Oktoberfest gesellen, die aber nur besonders markante Inseln in einer allgemeinen Lachkultur sind.

Die letzten Hemmungen bei der Abschüttelung des gesellschaftlichen Formzwangs beseitigen die sozialen Netzwerke im Internet, die jedem Einzelnen die Möglichkeit bieten, geschützt durch Anonymität seinem Spott und seiner Häme freien Lauf zu lassen.

Siezen oder duzen? Das waren mal wichtige Fragen

Die Auflösung des Formzwangs lässt sich seit Kriegsende in fast allen Gesellschaftsbereichen beobachten. Ein besonders auffälliges Beispiel ist die weitgehende Verdrängung der klassischen Gesellschaftstänze durch den freien Tanz, für den man keine Tanzschule braucht. Ein spezifisch deutsches Beispiel ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich heute junge Menschen duzen, während es bis in die Mitte der 1960er Jahre für Studierende noch normal war, sich erst einmal zu siezen.

Dann folgte eine Zeit, in der diejenigen, die auf der Woge der 68er-Bewegung ritten, sogar ihre Professoren duzten. Am sichtbarsten zeigt sich diese Entwicklung in der Kleidung. Blue Jeans und Sneakers, die anfangs nur von Jugendlichen getragen wurden, sieht man heute auch bei 80-Jährigen. Dabei gibt es kaum noch Regeln für das, was zusammenpasst.

Die tiefgreifendste Auflösung traditioneller Normen war das, was unter dem Banner der sexuellen Befreiung geschah. Während noch in den 1960er Jahren Eltern wegen Kuppelei bestraft werden konnten, wenn sie ihr unverheiratetes volljähriges Kind, Sohn oder Tochter, mit einem Sexualpartner in ihrer Wohnung zusammen schlafen ließen, sind heute nicht eheliche Partnerschaften den ehelichen nahezu gleichgestellt.

Noch krasser ist der Wandel, der zur Legalisierung der Homosexualität führte. Menschen, die einst dafür mit Gefängnis bestraft wurden, dürfen jetzt ihren gleichgeschlechtlichen Partner oder ihre Partnerin heiraten. Hier hat sich die Aufhebung der sozialen Zwänge höchst segensreich ausgewirkt.

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