Politik : Umstrittene Ermittlungen in Stuttgart

Bettina Wieselmann

Stuttgart - Das Entsetzen war groß, als vor gut einer Woche bei Bauarbeiten am Stuttgarter Flughafen ein Massengrab aus der NS-Zeit entdeckt wurde: Überreste von 34 jüdischen KZ-Häftlingen, die durch Zwangsarbeit zu Tode geschunden worden sind – das jedenfalls nehmen die Ermittlungsbehörden an.

Da Mord nach deutschem Recht nicht verjährt, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Obwohl von Anfang an die enge Abstimmung mit Landesrabbiner Netanel Wurmser gesucht worden war, wuchs in den letzten Tagen auf jüdischer Seite der Widerstand gegen die Ermittlungen: Sie reklamiert die Einhaltung der strengen Regeln für die Totenruhe. Man habe kein Verständnis für „falsch verstandene Gesetzestreue“, schrieb das „Committee for thePreservation of jewish Cemeteries in Europe“ an das Staatsministerium, nicht ohne Hinweis, dass die „dem deutschen Volke eigentümliche Gesetzestreue“ die Exzesse der Nationalsozialisten überhaupt erst möglich gemacht habe. Auch die orthodoxe Rabbinerkonferenz in Deutschland schaltete sich ein: „Rasch und auf würdige Weise“ seien die exhumierten Gebeine am selben Ort wieder beizusetzen, vor allem dürfe es keine Untersuchungen daran geben, namentlich keine Eingriffe, wie sie für DNA-Analysen notwendig seien. Auch müsse jegliche Suche nach einem angeblich weiteren Massengrab unterbleiben.

Es werde mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf religiöse Überzeugungen „unternommen, was zwingend erforderlich ist, um das mögliche Verbrechen des Mordes aufzuklären“, stärkte Justizminister Ulrich Goll der Staatsanwaltschaft den Rücken. Mit der jüdischen Seite einigte man sich auf den vorläufigen Verzicht auf direkte Eingriffe an den Gebeinen. Zunächst werde geklärt, ob sich noch Täter ermitteln lassen. Später sollen die Gebeine wieder nahe ihrem Fundort beigesetzt werden.

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