• Umstrittener Konsens: Die Tschechen setzen vorerst weiter auf Kernenergie - Prag nimmt deutschen Kompromiss aber als Anlass zum Umdenken

Politik : Umstrittener Konsens: Die Tschechen setzen vorerst weiter auf Kernenergie - Prag nimmt deutschen Kompromiss aber als Anlass zum Umdenken

Ulrich Glauber

Die tschechischen Atomstromproduzenten kommentieren den jetzt beschlossenen Nuklearstopp des deutschen Nachbarn zurückhaltend. Der Monopolist Ceske Energeticke Zavody (CEZ) räumte am Montag auf Befragen ein, dass das Unternehmen angesichts der Marktliberalisierung durchaus Elektrizität ins große Nachbarland exportieren möchte.

Drei Viertel der zehn Millionen Tschechen hat Umfragen zufolge keine Probleme mit der Nuklearenergie. Noch ist vor allem den Bürgern von Nordböhmen und Nordmähren drückend in Erinnerung, wie noch vor wenigen Jahren in den Übergangsmonaten tagelang Smog aus den Braunkohlekraftwerken den Atem zum Stocken brachte. Binnen zehn Jahren seit der Wende konnten allerdings die Schwefeloxide in der Luft um drei Viertel und die Stickoxide um mehr als die Hälfte gesenkt werden. Dennoch setzt die CEZ, die fast den gesamten Strom in Böhmen und Mähren produziert, ganz auf den Ausbau der Kernenergie. Seit 1985 sind beim bisher einzigen Atomkraftwerk (Akw) im südmährischen Dukovany vier Druckwasserreaktoren in Betrieb. Das Quartett der 1000-Megawatt-Meiler deckt ein Viertel des tschechischen Strombedarfs. Seit 1986 wird zusätzlich an einem Akw ebenfalls sowjetischer Bauart in Südböhmen gebaut.

Die sozialdemokratische Minderheitsregierung in Prag ist sich über die weitere Strategie für Tschechien uneinig. Industrieminister Miroslav Gregr lässt den Bau eines weiteren Akw in Nordmähren unweit der polnischen Grenze prüfen. Umweltminister Milos Kuzvart nimmt den deutschen Kompromiss dagegen als "eindeutiges Zeichen", dass Energiepolitik künftig auf Sparen und alternative Quellen zielen muss.

Gegen den bisherigen Kurs Tschechiens macht sich vor allem das atomfreie Österreich in parteiübergreifendem Konsens stark. Wie bei den Nachbarländern Slowenien, Ungarn und Slowakei sieht Wien auch gegenüber Tschechien die Einführung neuester Sicherheitstechnik als Bedingung für die österreichische Zustimmung zum EU-Beitritt an.

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