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Umstrittenes Gesetz : Die Homoehe entzweit Frankreich

17.05.2013 07:23 Uhrvon
Nicht alle sehen dem Gesetz für die Homoehe in Frankreich so gelassen gegenüber wie diese Demonstranten - seit Monaten gegen tausende Menschen gegen die Homoehe auf die Straße.Bild vergrößern
Nicht alle sehen dem Gesetz für die Homoehe in Frankreich so gelassen gegenüber wie diese Demonstranten - seit Monaten gegen tausende Menschen gegen die Homoehe auf die Straße. - Foto: dpa

Selten ist ein Thema in Frankreich so kontrovers diskutiert worden wie das Gesetz zur Homoehe. Mit dessen Verabschiedung tobt ein Kulturkampf, über den selbst Franzosen erschrecken.

Es waren dann 136 Stunden und 46 Minuten. So lange hat die Debatte in der Nationalversammlung gedauert. Und Corinne Carré hat sie von Anfang bis Ende mitverfolgt. Jede einzelne Minute betraf sie persönlich, sie und ihre Lebensgefährtin Virginie Bocher. Denn es ging im Parlament um das Gesetz zur Homoehe, und Corinne und Virginie wollen heiraten.

„Heiraten“, sagt Corinne, „das mag altmodisch sein, bürgerlich, kleinkariert, wie immer man das nennen will, aber wenn es einem so lange verwehrt wird, dann ändert das alles.“

Sie wird Coco genannt, ihre Haare, weißblond trägt sie mit 49 so, dass eine Hälfte kurz geschoren, die andere etwas länger ist.

Sie will ein Kind. „Wir wollten das von Anfang an, heiraten, Kinder kriegen“, sagt auch ihre Freundin Virginie, die zehn Jahre jünger ist. „Wir sind beide romantisch, und sogar unsere Familien warten drauf.“

Der Tag des 23. April, an dem das Gesetz, das die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich ermöglicht, dann endlich verabschiedet wurde, ist für Corinne und Virginie ein Freudentag. Doch wie für viele andere homosexuelle Paare liegt auch für sie ein Schatten über dem Datum. Denn es bildete den Auftakt für eine seit Monaten scharfe Kampagne, die ein anderes Gesicht von Frankreich gezeigt hat, eines, das man so nicht kannte und auch nicht vermutete: erzkatholisch, antimodern, rückwärtsgewandt und vor allem homophob.

Selten ist ein Thema in Frankreich so heiß und kontrovers diskutiert worden; selten schien die Gesellschaft in zwei so unversöhnliche Teile gespalten. Nach 136 Stunden und 46 Minuten Debatte hatten sich die Parteien noch immer nicht angenähert. Das genaue Wortprotokoll einer einzigen Wochenendsitzung umfasst mehr als 300 000 Worte. Nach wie vor ist eine kleine Mehrheit von 53 Prozent für die Homoehe. Aber was das Recht der Adoption betrifft, hat sich das Gewicht verschoben: Jüngste Befragungen zeigen, dass inzwischen 56 Prozent der Franzosen dagegen sind, während es im Dezember 2012 nur 48 Prozent waren.

Virginie konnte sich die Debatte nicht antun, wie sie sagt, zu deprimierend sei das gewesen. Aber Corinne hat alles mitverfolgt: die großen Momente wie die Rede von Justizministerin Christiane Toubira, die Geschichte schreiben wird, den Jubel, den Applaus, die stehenden Ovationen. Aber eben auch die üblen Beschimpfungen und außergewöhnlichen Entgleisungen. Während der 136 Stunden und 46 Minuten gab es Momente, da Corinne die Tränen in die Augen schossen und sie wirklich stolz darauf war, Französin zu sein – und es gab andere, da sie sich am liebsten irgendwo versteckt hätte und nie wieder hervorgekommen wäre.

Ob sie die Reaktion der Gegner überrascht habe?

„Nicht wirklich“, sagt sie, „nur das Ausmaß der Gewalt und Feindlichkeit, das habe ich mir nicht träumen lassen.“

Tatsächlich kam dieses katholische Erdbeben aus dem Nichts und hat alle überrascht. Selbst Präsident François Hollande, der nichts anderes getan hatte, als eines seiner 60 Wahlversprechen einzulösen. Auf der Liste dieser Versprechen stand es auf Platz 31. Natürlich hätte es angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Frankreichs andere Prioritäten geben können, aber es war für ihn einfach, das Vorhaben mit den politischen Mehrheiten jetzt umzusetzen. Immerhin eins.

Die Gegner der „Ehe für alle“ fühlten sich übergangen und stellten die Legitimität der Regierung infrage. Lautstark haben sie geklagt, dass man nicht auf sie höre, dass Hollande ein elender Diktator und Frankreich keine Demokratie mehr sei. Von Bürgerkrieg war die Rede. Auch davon, dass er, wenn Hollande wirklich Blut wolle, Blut bekäme.

Aber wollte Hollande Blut? Es ist die schrille Tonlage eines Kulturkampfes in Frankreich, bei dem unter dem Vorwand, die Moral zu bewahren, sämtliche Ideale aufgegeben werden.

Corinne und Virginie sind seit elf Jahren ein Paar. Sie leben zusammen, sie arbeiten zusammen, sie machen Musik. Gemeinsam sind sie aus Paris in den Vorort Joinville-Le-Pont im Osten der Stadt gezogen, in ein Einfamilienhaus mit Keller, in dem sie ungestört proben können. Forget the Heroes heißt ihre Band, vergesst die Helden. Ihre Liedtexte sind auf Englisch, und vielleicht ist das der Grund, warum sie in Frankreich nie den Durchbruch geschafft haben. Deswegen bieten sie inzwischen Soundillustrationen an, Vertonungen für Dokumentarfilme, Theaterinszenierungen, Webseiten, Firmen, was auch immer. Ihre finanzielle Lage sei der eigentliche Grund, sagen sie, warum sie bislang kein Kind haben.

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