Ölförderung in Ecuador : Treibstoff der Globalisierung

Nachdem Ecuadors Präsident Rafael Correa die Ölförderung im artenreichsten Regenwald der Welt zugelassen hat, hat er auch ein Schutzabkommen mit Deutschland gekündigt. Beim Erdöl hört jede Rücksicht auf die Natur auf - und das ist nicht nur in Südamerika so.

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Seit einer Woche demonstrieren fast täglich Gegner der Ölförderung im artenreichsten Regenwald der Welt in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito.
Seit einer Woche demonstrieren fast täglich Gegner der Ölförderung im artenreichsten Regenwald der Welt in der ecuadorianischen...Foto: dpa

Die ganze Welt ist zum Prospektionsgebiet der Erdölkonzerne geworden. Die Gier nach dem „schwarzen Gold“ macht vor nichts mehr halt. Shell will in der arktischen Tiefsee bohren. Vor den Küsten Brasiliens und Westafrikas wird bereits in Tiefen gebohrt, die die Förderplattformen im Golf von Mexiko wie Spielzeug aussehen lassen. In Afrika sind selbst die fragilsten Staaten kurz davor, in die Erdölförderung einzusteigen. Und vor Regenwäldern macht die Ölförderung schon lange nicht mehr halt. Sogar im ältesten Naturschutzgebiet Afrikas, im Virunga-Nationalpark im chronisch instabilen Ost-Kongo, soll nach Öl gebohrt werden.

Im ecuadorianischen Regenwald hat es auch schon mehr als eine Ölpest gegeben. Und nun soll auch der artenreichste Regenwald der Welt, der Yasuni-Nationalpark, zur Ausbeutung freigegeben werden. Der Plan des Präsidenten Rafael Correa, zumindest in einem Teil des Parks das Öl im Boden zu lassen, ist gescheitert – an der mangelnden Zahlungsbereitschaft der internationalen Gemeinschaft und an Correas kühler Kosten-Nutzen-Rechnung.

Was bringt der Yasuni-Nationalpark für Ecuador? Das Überleben mehrerer indigener Völker, die auf eigenen Wunsch ohne Kontakt zur Außenwelt leben, sowie eine „Arche Noah“ für das Ökosystem Regenwald. Und etwas Kompensation von Geberländern wie Italien oder Indonesien, Konzernen wie Coca-Cola oder Naturschutzverbänden aus aller Welt. Das Öl, das Correa 2007 noch mit einem Wert von etwa 7,2 Milliarden Dollar veranschlagt hatte, ist inzwischen mehr als 18 Milliarden Dollar wert.

Correa hat versucht, den Kapitalismus mithilfe des Kapitalismus auszutricksen. Er verlangte von der internationalen Gemeinschaft die Hälfte des 2007 vermuteten entgangenen Gewinns aus der Ölförderung. Rund 400 Millionen Tonnen Kohlendioxid blieben der Atmosphäre erspart. Das ist nicht viel gemessen am globalen CO2-Ausstoß. Allein Deutschland hat im Jahr 2010 rund 819 Millionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre deponiert. Und doch wäre das Yasuni-Öl ein Präzedenzfall dafür gewesen, was in Zeiten des Klimawandels notwendig wäre: der Verzicht auf die Förderung fossiler Brennstoffe im großen Stil.

Nach einer Berechnung des Potsdamer Klimaökonomen Ottmar Edenhofer aus dem Jahr 2010 lagern weltweit noch doppelt so viele Erdölvorräte, wie klimaverträglich verbraucht werden könnten. Bei Kohle und Gas sieht das Verhältnis noch viel schlechter aus. Die Aufnahmekapazität der Atmosphäre für Kohlendioxid ist begrenzt, wenn die globale Erwärmung auf etwa zwei Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung begrenzt werden soll. Warum das sinnvoll ist, zeigt ein kleiner Blick in die Wetterküche dieses Jahres: Flut in Deutschland und Mitteleuropa, Flut in Indien, Flut in China, Flut in Pakistan, Dürre in Südwestafrika, Dürre und Waldbrände im Westen der USA. Die Yasuni-Initiative hätte ein Anfang sein können. Doch die Macht von Öl und Geld wiegt mehr als der Schutz des Klimas, das Überleben indigener Völker und die Erhaltung von Ökosystemen. Unsere Lebensgrundlagen werden so zu einem Opfer der Globalisierung.

Ureinwohner verlangen ein Referendum über die Ölförderung

Der Streit in Ecuador geht derweil in eine neue Runde. Ureinwohner und Gegner des Ölförderprojekts haben in der Hauptstadt Quito am Freitag einen Antrag auf ein Referendum beim zuständigen Gericht eingereicht. Sollte das Gericht es zulassen, müssten die Ölfördergegner mindestens 600 000 Unterschriften gegen das Projekt sammeln. Auf die Kritik aus dem eigenen Land entgegnete Correa, zum Schutz der Umwelt könnte man ja das Drucken von Zeitungen unterlassen. Correa befindet sich seit Jahren im Dauerkonflikt mit der Presse in Ecuador, der er unterstellt, von der Opposition gesteuert zu sein.

Präsident Correa wirft Deutschland Kolonialismus vor

Nachdem Correa schon in der vergangenen Woche angekündigt hatte, nun auch die Mittel, die in den Yasuni-Fonds bei den Vereinten Nationen eingezahlt worden sind, zurückzuzahlen, verzichtete er nun auch auf deutsche Unterstützung zum Schutz der Artenvielfalt und der indigenen Bevölkerung in dem Gebiet. Ein entsprechender Vertrag über 34,5 Millionen Euro für Umweltschutz-Projekte im Naturpark Yasuní wurde vom Außenministerium in Quito am Mittwoch gekündigt, berichtete die Zeitung „El Telégrafo“ am Donnerstag. Ecuador werde seinen Weg auch „ohne die Überheblichkeit bestimmter Länder gehen, die sich schon immer als Herren der Welt betrachtet“ hätten, sagte der sichtlich empörte Präsident am Dienstag in einem Fernsehinterview. Er schimpfte über „drittrangige Beamte“, welche die „Unverschämtheit“ besäßen, der Regierung in Quito „Lektionen zu erteilen“.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Ute Koczy, die das Projekt seit Jahren unterstützt hatte, seufzte nach dieser Nachricht, dass die "Nachrichten aus Ecuador ein Elend" seien. Weiter schreibt sie über Correa und den deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der das Projekt seit Jahren bekämpft hatte: "Zwei Egomanen handeln ohne Rücksicht auf den Regenwald und seine Bewohnerinnen und Bewohner."

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