Umweltgift : Mehr Dioxin als erlaubt

Nördliche Bundesländer schlagen Alarm – Experten stehen bei Ursachenforschung vor Rätseln.

Dieter Hanisch

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wurde eine erhöhte Dioxinbelastung festgestellt. Die Länder fordern vom Bundesumweltministerium ein bundesweites Untersuchungsprogramm zu dem bisher unerklärlichen Phänomen. Am heutigen Donnerstag findet dazu in Berlin ein Bund-Länder-Fachgespräch statt.

Erste Untersuchungsreihen bei Schafen haben unerlaubte Konzentrationen von Dioxin und den ebenfalls krebserregenden Polychlorierten Biphenylen (PCB) festgestellt. In 97 Prozent aller 70 bisher in Niedersachsen untersuchten Leberproben von Schafen wurde der Grenzwert übertroffen. Daraufhin wurde vor dem Verzehr von Schafsleber abgeraten. Durch eine kontaminierte Rohmilchprobe 2008 in der Haseldorfer Marsch wurde auch das nördlichste Bundesland sensibilisiert. Proben entlang der Elbe brachten weitere positive Befunde bei Schafen und Rindern. Bei der Spekulation über die Ursache gingen Fachleute davon aus, dass angespülter Schlick mit umweltgefährdeten Altlasten des Flusses für die Belastung verantwortlich sei. Auch im Agrarministerium in Hannover ging man ursprünglich durch Funde in der Wesermarsch und an der Ems von einem kausalen Zusammenhang mit der Flussnähe aus. Dies wurde inzwischen aber durch positive Befunde auch aus dem Binnenland widerlegt. In Mecklenburg-Vorpommern wurde man durch erhöhte Belastungen von Grasschnitt an den Elbdeichen auf die Problematik aufmerksam.

Für den Kieler Toxikologen Hermann Kruse ist das Phänomen ein Rätsel. Er will daher nicht ausschließen, dass die Belastung womöglich in der Luft ihre Ursache hat. Höhere Werte in der Nähe von Müllverbrennungsanlagen könnten eine solche These stützen. Er fordert daher mehr belastbares Datenmaterial: „Wir benötigen Luft-, Boden- und Bewuchsanalysen.“ In Dänemark wurden ebenfalls Dioxinspuren in Schafen festgestellt, und auch in der Schweiz ist die Problematik seit Jahren ein Thema. Im Februar 2006 setzte die EU-Kommission verbindliche Grenzwerte fest. Nun gilt es zu verhindern, dass über die Futteraufnahme etwas in die Nahrungskette gelangt.

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