Politik : Umweltpolitik: Kompromisse mit der Natur

Dagmar Dehmer

Es gibt Augenblicke, in denen sich Umweltminister Jürgen Trittin wie ein Popstar vorkommen darf. In der Jugendherberge Mardorf zum Beispiel. Auch am Donnerstag, als Trittin sich das Umweltbildungskonzept zeigen lässt, ist das Haus gut belegt. Kinder drücken sich die Nase an einer Glasscheibe platt, und kaum verlässt der Minister den Vortragssaal, muss er Autogramme schreiben. Ein kleiner Junge bittet ihn sogar, seine Mutter anzurufen. Der Minister tut es grinsend. Dem Sohn gehe es gut, sein Zimmer sei aufgeräumt. "Alles in Ordnung."

Diesen Eindruck darf Trittin während der ganzen drei Tage haben, in denen er Naturschutzprojekte in Niedersachsen besucht. Die Bundesmittel, die seit mehr als zehn Jahren etwa in die Renaturierung der Ise im Kreis Gifhorn fließen, "sind gut angelegtes Geld". Niedersachsen ist ein Heimspiel für ihn. Seine Gastgeber kennen ihn noch aus seiner Zeit als Landespolitiker. Seine etwas unterkühlte Art kommt hier gut an.

Die großen Konflikte zwischen Naturschutz und der Landwirtschaft bekommt Jürgen Trittin nicht vorgeführt. Sie werden ihm lediglich berichtet. An der ersten Station, dem Flüsschen Ise, liegen sie auch schon Jahre zurück. An der Ise, einem 42 Kilometer langen Bach, ist eigentlich nichts bemerkenswert. Als die Aktion Fischotterschutz 1987 beschloss, den Fluss wieder zum Lebensraum zu machen, sah die Ise wie mit dem Lineal gezogen aus. Was sie zu einem besonderen Projekt macht, ist die Freiwilligkeit. Die Renaturierung sollte nicht zurück in die Romantik führen. Sie ist ein Kompromiss zwischen den Bauern und den Naturschützern. "Am Anfang war das Misstrauen groß - auf beiden Seiten", berichtet Oskar Kölsch von der Aktion Fischotterschutz. Doch inzwischen wird ein Großteil der Uferflächen nur noch extensiv genutzt. Die Wiesen werden erst Ende Juni gemäht. Nicht mehr als zwei Rinder grasen hier pro Hektar. Zum Teil haben die Umweltschützer den Bauern das Land einfach abgekauft. Doch seit gut fünf Jahren gibt es auch ein gemeinsames Vermarktungsprojekt. Die Bauern können ihr Rindfleisch um 30 Prozent über dem Marktpreis absetzen. Inzwischen verstehen sie sich als Partner der Naturschützer. Und Jürgen Trittin hat etwas gelernt: "Es muss nicht nur Geld für den Ankauf von Flächen zur Verfügung stehen sondern auch für die Kommunikation."

Wie kostspielig es wird, die Natur in Ruhe zu lassen, zeigt sich nicht nur an der Ise, wo rund 12 Millionen Mark in die Renaturierung investiert worden sind. Auch am Steinhuder Meer ist eine ähnlich hohe Summe geflossen. Hier gab es aber nicht nur Konflikte mit den Bauern. Hier müssen an schönen Tagen bis zu 50 000 Touristen am Tag so gelenkt werden, "dass sie nicht die Arbeit von Jahren an einem Tag niedertrampeln", wie Siegfried Siebens, Leiter des Naturparks Steinhuder Meer, sagt. An dem von Moor umgebenen See ist das Problem über einen rund 30 Kilometer langen Rundwanderweg gelöst worden. Holzstege führen ans Wasser. Von dort aus können die Besucher Vögel beobachten, ohne sie zu stören.

Da hat es Siebens Kollegin Irmgard Remmers, Chefin des Nationalparks niedersächsisches Wattenmeer, schwerer. Denn die Nordseestrände sind so überrannt, dass an Besucherlenkung kaum zu denken ist. Deshalb werden die Strände uneingeschränkt genutzt, wie auch das ufernahe Watt. Weiter draußen müssen sich die Besucher an die Wege halten. Irmgard Remmers kann damit leben. "Man muss Geduld haben", sagt sie.

Jürgen Trittin fühlt sich bestätigt. Er hat keinen Zweifel, dass das lang umstrittene Naturschutzgesetz im Herbst den Bundestag passieren wird. Dann hat er "so gut wie alles abgearbeitet", sagt er. Und fragt sich, was er eigentlich in der nächsten Legislaturperiode noch zu tun haben könnte.

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