Umweltpolitik : "Wir selbst sind Teil des Problems"

Ein Grüner mit CDU-Parteibuch: Andreas Troge verlässt nach 14 Jahren an der Spitze das Umweltbundesamt.

Dagmar Dehmer
Troge
Andreas Troge -Foto: dpa

Berlin - Andreas Troge geht nicht gern. 14 Jahre stand der Ökonom an der Spitze der wichtigsten deutschen Umweltbehörde, dem Umweltbundesamt (UBA). An diesem Freitag hat der 59-Jährige seinen letzten Arbeitstag in Dessau. Eine Erkrankung zwingt den UBA-Präsidenten in den vorzeitigen Ruhestand – und verlangt ihm etwas ab, „woran es mir genetisch mangelt“, nämlich Geduld. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kommt Troges Abgang ziemlich ungelegen. Denn zum einen schätzt er den souveränen Behördenchef. Das CDU-Mitglied Troge und Gabriel bildeten in den vergangenen vier Jahren so etwas wie eine funktionierende große Koalition.

Seit seinem Amtsantritt 1995 suchte und fand Troge die wirtschaftlichen Chancen für ökologisches Handeln. Ohne diese Vorarbeit gäbe es wohl auch Gabriels Konzept für eine „ökologische Industriepolitik“ nicht. Zum anderen ist es nahezu unmöglich, zwei Monate vor der Bundestagswahl eine so wichtige Personalie wie den Chefposten im UBA noch über die Bühne zu bringen. So blieb Gabriel am Dienstag, als sich Troge intern von seinen etwa 1500 Mitarbeitern verabschiedete, nur eines übrig: ihn für seine Verdienste zu loben. Troges Amtszeit sei „eine äußerst erfolgreiche Ära für den Umweltschutz“ gewesen, sagte Gabriel.

Troge selbst hält sich mit Sentimentalitäten nicht lange auf. „Jeder findet einen Nachfolger“, sagte er dem Tagesspiegel. Und fügt mit der ihm eigenen Ironie hinzu, er habe schließlich nur 14 Jahre an der Spitze des UBA gestanden. Sein Vorgänger, Heinrich Freiherr von Lersner, war 21 Jahre der Chef. Troges Rückblick ist eher ein Ausblick. Dass der Klimaschutz als Thema verstanden und in der Öffentlichkeit wichtig genommen werde, sieht er als die bedeutendste Entwicklung seiner Amtszeit. Troge ist sich sicher, dass die Biodiversitätsstrategie, die Gabriel in der Bundesregierung im vergangenen Jahr durchgesetzt hat, „eine ähnliche Bedeutung erlangen wird“. Denn das Thema Artensterben sei mindestens so komplex wie der Klimawandel.

Erfolge sieht Troge bei der Abfall- und der Chemikalienpolitik. Doch beim Waldsterben sieht er „ein historisches Versagen“. Das Schadensniveau in den Wäldern sei noch immer sehr hoch. Dass es überhaupt noch Wälder gebe, sei nur dem schnellen Handeln gegen Luftschadstoffe und der Wiedervereinigung zu verdanken, die ohnehin das „größte Umweltschutzprojekt in Deutschland war“. Troge hofft, dass sich die Osterweiterung der Europäischen Union „ähnlich positiv“ auswirkt.

Es ist typisch für Troge, dass er die Erwartungen seiner Gesprächspartner immer wieder komplett unterläuft. Schließlich gilt das Waldsterben in der Öffentlichkeit als gar nicht mehr existent. 2001 sagte er dem Tagesspiegel in einem Interview: „Wer Probleme großen Ausmaßes erst angeht, wenn sie akut geworden sind, der lernt nur pathologisch.“ Er hat 14 Jahre lang das Gegenteil getan. Troge ließ seine ökologische Denkfabrik erst in Berlin und später in Dessau die noch nicht akut gewordenen Probleme aufspüren. Das UBA hatte, sobald die Themen politisch reif waren, immer schon Antworten zu bieten. Die hat es allerdings auch auf viele Fragen, die politisch vermutlich nie reif werden: zum Beispiel ein ernsthafter Versuch, den Flächenverbrauch zu reduzieren. Auch Troges beharrlicher Kampf gegen den Lärm gehört in diese Kategorie.

Andreas Troge hat immer gesagt: „Wer die Umwelt schützen will, muss nicht wie ein Heiliger leben.“ Dennoch war ihm immer bewusst, „dass wir auch selbst ein Teil des Problems sind“. Dennoch sagt der scheidende UBA- Chef aus voller Überzeugung, dass „liberale, freie und dezentrale Gesellschaften“ bei der Lösung von Umweltproblemen allen „geschlossenen Systemen“ – seien es Kommandowirtschaften oder Diktaturen – „weit überlegen“ sind. „Je zentraler entschieden wird, desto sicherer können wir sein, dass wir falsch liegen“, sagt er.

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