Politik : Umweltschützer fürchten, dass Russland zum atomaren Mülllager des Westens wird

Elke Windisch

Wladimir Michejew ist seit kurzem ein Fall für den Psychiater. Der Umweltschützer schläft schlecht, klagt über Herzrasen und wähnt hinter jedem Mauervorsprung einen Killer mit durchgeladener Schusswaffe. Der Grund: Gleich nach einem Washington-Besuch vor einem Jahr bekam er anonyme Anrufe, die ihm strenges Schweigen empfahlen. Andernfalls, so die Unbekannten, habe er mit "schwerwiegenden Konsequenzen" zu rechnen. Eben dieser Fall könnte nun eintreten. Michejew, dem Chef der "Bürgerinitiative für Nichtweiterverbreitung von spaltbarem Material" im mittelsibirischen Krasnojarsk, waren in den USA Details für einen gigantischen geheimen Atommüll-Deal bekannt geworden. Mitte letzten Jahres gab er sein Wissen an die Tageszeitung "Iswestija" weiter und trat damit einen Skandal los.

Schon seit Anfang 1999 verhandeln die USA heimlich mit Russland über Zwischen- und Endlagerung von Brennelementen aus ausländischen Atomkraftwerken. Als Koordinator des Projektes fungiert der US-amerikanische "Non-Proliferation-Trust", in dessen Aufsichtsrat vor allem abgehalfterte Größen aus der Umgebung früherer Präsidenten sitzen. Bis 1996 nannte sich das Unternehmen "US Fuel and Security". Die Namensänderung wurde unumgänglich, als die Bevölkerung einer Pazifikinsel auf die Barrikaden ging, weil Washington das Südsee-Paradies zum Zwischenlager für Brennelemente aus Kernkraftwerken in Japan, Südkorea und Taiwan machen wollte. Die stammen zu 75 Prozent aus den USA und müssten von den Amerikanern eigentlich zurückgenommen werden, weil ihre Gesetze die Verschiebungen in Drittländer untersagen - wegen des bei der Wiederaufarbeitung anfallenden waffenfähigen Plutoniums. Doch gegen die Rückführung des strahlenden Mülls laufen zu Hause die Umweltschützer Sturm. Einzelheiten des geplanten Deals wurden aber bekannt.

Demzufolge kauft der "Non-Proliferation-Trust" weltweit rund 6000 Tonnen ausländischer Brennelemente zu einem Preis an, der in etwa identisch mit jener Summe ist, die ausländische Kernkraftwerksbetreiber für deren Wiederaufarbeitung und Endlagerung in den USA aufbringen müssten: 7,2 Milliarden Dollar. Die Brennelemente sollen dann für rund 30 Jahre trocken in der Nähe der Stadt Schelesnogorsk gelagert werden. Besser bekannt ist sibirische 50 000-Seelen-Gemeinde unter dem Namen Krasnojarsk 26. Die Stadt war Teil des sowjetischen Atomwaffenforschungszentrums und ist bis heute für Besucher nur mit einer Sondergenehmigung zugänglich.

Mit den Erlösen des Handels sollen Bau und Betrieb von Lagern für russisches Waffenplutonium in Osjorsk, ehemals Tscheljabinsk 65, finanziert werden. Eine geniale Idee, schrieb die "Iswestija", wenn die Amerikaner dabei nicht vor allem den eigenen Vorteil im Auge hätten. Der Löwenanteil des Gewinns - gerechnet wird mit 5 bis 10 Milliarden Dollar - soll nämlich gar nicht in Russland bleiben. Damit die Erlöse nicht in den Taschen korrupter Beamter versanden, sollen die Gelder in den USA auf Konten einer Treuhandgesellschaft geparkt werden, die damit Projekte russischer Umweltschützer unterstützt. Dass einschlägige Verhandlungen laufen, bestätigte das Pressezentrum von Krasnojarsk 26.

Einheimische Umweltschützer liefen gegen das Projekt bereits Sturm. Zu Recht: Schon jetzt kann Russland unangefochten Ansprüche auf den Titel einer globalen atomaren Müllkippe anmelden. In den dünn besiedelten Weiten Sibiriens und der Arktis sowie auf 170 ausgemusterten Atom-U-Booten der russischen Nordmeer- und Pazifikflotte lagern gegenwärtig nach Schätzungen des Moskauer Atomministeriums bereits rund 15 000 Tonnen Atommüll. Bald kommt möglicherweise noch mehr dazu.

Russland, so erklärte Vize-Atomminister Wladimir Iwanow öffentlich, werde nicht dulden, dass England und Frankreich den lukrativen Markt für die Wiederaufarbeitung verbrauchter Brennelemente unter sich aufteilen. Gegen Devisen, so sagte im vergangenen Jahr auch Bulat Nigmatulin, ein weiterer Vizeatomminister, könnten in den kommenden 20 Jahren bis zu 20 000 Tonnen Atommüll in Russland endgelagert werden. Das, so Nigmatulin, werde dem Staat zu Einnahmen von 15 Milliarden Dollar verhelfen.

Französische Experten warnten: Bevor Russland größere Mengen ausländischer Brennelemente aufbereiten könne, müssten die technischen Voraussetzungen dafür geschaffene werden. Das dazu ins Auge gefasste Krasnojarsk 26 aber ist momentan nicht im Mindesten dafür gerüstet: Der Bau einer zweiten Linie zur Wiederaufarbeitung wurde wegen Geldmangel eingestellt. Zwar wurde auf dem Gelände erst 1985 ein für maximal 6000 Tonnen ausgelegtes neues Abklingbecken in Betrieb genommen. Doch die Abklingzeit der dort liegenden Brennelemente beträgt mindestens 40 Jahre, und schon heute ist das Becken zur Hälfte voll.

Werden die Projekte realisiert, fürchtet Ökologie-Aktivist Michejew, geht die Umgebung von Krasnojarsk 26 spätestens im Jahre 2010 mit einer durchschnittlichen Strahlenbelastung von fast 10 Milliarden Curie ins Guiness-Buch der Rekorde ein. Das Werksgelände, wo an mehreren Stellen eine Strahlenbelastung gemessen wurde, die 61 mal so hoch wie in Tschernobyl ist, gilt schon jetzt als der mit Abstand höchstverstrahlte Ort weltweit. Die russische Atomlobby kümmert das wenig. Mit einer vom Moskauer Energieministerium vorbereiteten Gesetzesnovelle soll die bislang verbotene Lagerung verbrauchter Brennelemente aus dem Ausland über einen Zeitraum von maximal 25 Jahren bis zur Wiederaufarbeitung erlaubt werden. Die Regierung will außerdem eine erst 1995 eingeführte Regelung wieder abschaffen, die andere Länder dazu verpflichtet, die bei der Wiederaufarbeitung anfallenden radioaktive Abfälle zurückzunehmen. Zudem sollen die Lieferantenstaaten diese künftig auch in Russland endlagern dürfen.

Dazu muss allerdings Artikel 50 des Umweltschutzgesetzes geändert werden. Beobachter gehen davon aus, dass Wladimir Putin das Parlament gleich nach den Präsidentenwahlen am 26. März um einschlägige Liebesdienste angehen dürfte. Änderungsvorschläge liegen bereits seit Mitte vergangenen Jahres in der Duma. Die Debatte wurde vertagt, weil die Abgeordneten alle Energie in den Wahlkampf steckten. Dabei entging ihnen möglicherweise das Geschäft ihres Lebens: Umweltschützer Michejew behauptete damals, das Atomministerium habe den Volksvertretern für den richtigen Knopfdruck bei der elektronischen Abstimmung "Anerkennungshonorare" von insgesamt 20 Millionen Dollar in Aussicht gestellt.

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