Politik : Umweltschutz: Öko - doch nicht out

Bernd Ulrich

Wie lange braucht ein Mensch, bis er etwas Neues gelernt hat, was ihm nicht passt? Ziemlich lange. Wie lange braucht die Menschheit, bis sie etwas ganz und gar Neues begriffen hat? Noch länger, möchte man meinen. Doch wenn man bedenkt, dass erst seit drei Jahrzehnten das Thema Umwelt auf der Tagesordnung steht, dann muss die am Donnerstag veröffentlichte internationale Allensbach-Umfrage überraschen. Demnach genießt der Umweltschutz in Brasilien, Japan, Polen, USA und Deutschland hohe Priorität. Er gehört überall zu den sechs drängendesten Problemen. 9000 Bürger wurden in der vom Dualen-System-Deutschland (DSD) in Auftrag gegebenen Studie befragt, und in allen fünf Ländern favorisieren sechzig Prozent beispielsweise das Recycling.

Interessant sind allerdings auch die nationalen Unterschiede im Umweltbewusstsein. Als zerstört sahen die eigene Umwelt 42 Prozent der befragten Deutschen und 53 Prozent der US-Amerikaner an, während die Polen zu 83 und auch die Japaner zu 80 Prozent den Begriff "zerstört" für die Umwelt wählten und in Brasilien immerhin noch 61 Prozent dieser Aussage zustimmten. Als Erfolg des Bewusstseinswandels seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 stellte DSD-Präsident Brück heraus, dass in Brasilien inzwischen das Abholzen der Wälder bei den Umweltproblemen auf dem zweiten Platz steht.

Wenn diese Studie Recht hat, dann ist das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung höher, als es von der Politik und den Medien zurzeit wahrgenommen wird. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt "Öko" als out. US-Präsidentschaftskandidat Al Gore, der noch vor acht Jahren als ausgesprochen umweltinteressiert galt, versucht heute jeden Anschein von Grün zu vermeiden. Für ihn kommt die Umfrage wahrscheinlich zu spät. Er hat sich im Wahlkampf schon festgelegt: Bill Clintons Politik zu recyclen.

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