UN : Der Weltfeuerwehr fehlt Geld

Für Noteinsätze 2009 brauchen die UN noch 4,8 Milliarden Dollar. Es gibt immer mehr Krisen – und nur wenige schaffen es in die Medien.

Dagmar Dehmer

Berlin - Für den UN-Nothilfekoordinator John Holmes ist 2009 ein Rekordjahr – in jeder Hinsicht. Zur Jahresmitte waren knapp die Hälfte der für die weltweite Nothilfe notwendigen Mittel tatsächlich bei einer der Partnerorganisationen der UN- Nothilfeorganisation Ocha eingegangen. Mehr als je zuvor, und zwar in absoluten Zahlen wie vom prozentualen Anteil her. Aber angesichts des hohen Bedarfs an Nothilfe – das Ocha-Budget liegt für das laufende Jahr bei 9,2 Milliarden Dollar – steigt auch der Fehlbetrag auf ein Rekordniveau: Es fehlen noch 4,8 Milliarden Dollar, um die geplanten Nothilfeeinsätze zu bezahlen.

Unter dem Dach von Ocha versammeln sich das UN-Ernährungsprogramm (WFP), das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef. Dazu gehören aber auch noch rund 50 Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt, über die die Vereinten Nationen Nothilfe erbringen. Am besten steht es derzeit um die Finanzierung der Flüchtlingshilfe des UNHCR. Knapp 1,3 Milliarden Dollar von einem Gesamtbudget von rund zwei Milliarden Dollar sind schon beim UNHCR eingegangen. Das meiste Geld haben Regierungen überwiesen, die für alle Nothilfeeinsätze derzeit die wichtigsten Geber sind.

Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland, weist darauf hin, dass seit dem Tsunami 2004 die Bedeutung privater Spenden bei Nothilfeeinsätzen immer weiter abgenommen habe. „Da haben sich die Maßstäbe verrückt, was als Katastrophe angesehen wird“, sagt Tarneden. Unicef sei im vergangenen Jahr an 200 Nothilfeeinsätzen überall auf der Welt beteiligt gewesen, aber nur ein Bruchteil dieser Katastrophen habe es auch in die deutschen Nachrichten geschafft. Dabei nimmt die Zahl der Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels ständig zu. Vor allem Überschwemmungen und Dürren gehören immer öfter zu den Gründen für Nothilfeeinsätze. So zum Beispiel derzeit wieder in Ostafrika: Somalia, Äthiopien und Kenia leiden unter einer schweren Trockenzeit.

Wegen der heftigen Kämpfe in Somalia strömen zudem immer mehr Flüchtlinge in die Krisenregion in Nordkenia. Gerade dieser Krisenfall ist bei den Geberländern bisher jedoch nicht auf große Resonanz gestoßen. Der Unicef-Nothilfeeinsatz in Kenia ist derzeit gerade mal zu 19 Prozent finanziert, und für die Nahrungsmittelhilfe des WFP fehlen noch 65 Prozent der Mittel. Das sind nach Auskunft des WFP-Sprechers Ralf Südhoff 139 Millionen Dollar.

Insgesamt ist die Nothilfe von Unicef zu einem knappen Drittel finanziert, die des WFP lediglich zu rund einem Viertel. Ralf Südhoff sieht vor allem im Sudan Probleme. Dort versorgt das WFP 5,95 Millionen Menschen in der westsudanesischen Krisenregion Darfur, aber auch im Süden des Landes. Für den größten Hilfseinsatz des WFP sind 832 Millionen Dollar verplant, derzeit fehlen aber noch 146 Millionen Dollar. Einer der Gründe dafür ist, dass das WFP die Verteilung für die großen Hilfsorganisationen übernehmen musste, die der sudanesische Präsident Omar al Baschir aus dem Land geworfen hatte, nachdem der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen ihn verhängt hatte. Gerade im Sudan hat das WFP lange Vorlaufzeiten. „Es braucht fünf bis sieben Monate, bis eine Zusage eines Geberlandes tatsächlich eingegangen und dann auch in eine Nahrungsration umgesetzt ist“, sagt Südhoff. Deshalb sei jetzt schon abzusehen, dass das WFP im November zumindest einen Teil der Hilfsbedürftigen nicht mehr werde versorgen können. Stark unterfinanziert sind nach Südhoffs Angaben auch Einsätze in Bangladesch und Pakistan, wo die Flüchtlingskrise nach den Kämpfen im Swattal die Haushalte aller Nothilfeorganisationen gesprengt hat.

Besonders schwer ist es offenbar, für Hilfsprogramme in Nordkorea Geld aufzutreiben. Dem WFP fehlen 324 Millionen Dollar für die Versorgung von 5,58 Millionen Menschen. Der Einsatz ist gerade einmal zu 22 Prozent gedeckt. Auch der Unicef-Einsatz in Nordkorea ist lediglich zu zehn Prozent finanziert.

Neben der Zunahme der Naturkatastrophen spiegeln sich im Ocha-Budget auch die Folgen der Nahrungsmittelkrise, die im vergangenen Sommer ihren Höhepunkt erreicht hatte. Rund 200 000 Menschen mehr als noch 2007 haben 2008 gehungert. Und die Finanzkrise wird die Nothilfebudgets weiter steigen lassen.

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