Politik : UN-Frauenkonferenz: Unendliches "Und" (Kommentar)

Caroline Fetscher

Sie haben getagt, 10 000 Frauen und eine Handvoll Männer. Eingeladen zur "Sonderversammlung Frauen 2000" hatte die Uno, in ihren New Yorker Stammsitz. "Peking plus 5" hieß das Event im Untertitel, in Anspielung auf das fünfte Jahr nach der Weltfrauenkonferenz in China. Aus 188 Ländern waren Aktivistinnen angereist, jede mit ihren Briefings und Aktenordnern - randvoll mit Problempapieren. Papiere zu Frauen und Ausbildung, Frauen und Medien, und Armut, und Krieg, und Männergewalt, und Gesetzgebung, und Beschneidung, und Verhütung, und Beruf. Ein unendliches "Und" begleitet Konferenzen dieser Größenordnung. Ein "Und", das skeptisch macht.

Jede Frau, sei sie aus Nepal, Uganda, Algerien, Malaysia oder den USA, möchte mit ihrem Ansinnen gehört werden - erfahrungsgemäß ist das eine schöne Illusion. So berichten auch die, die dabei waren, das einzig Reelle sei das "networking", das Knüpfen von Kontakten mit Kolleginnen, die an ähnlichen Themen arbeiten. Dabei verwandelt sich der Inhalt - die Reden, Appelle, Positionspapiere - in den Rahmen, der allein dazu dient, der Begegnung eine Bühne zu schaffen. Als zentralen Erfolg bezeichnet die Gastgeberin Uno das Verabschieden eines UN-Dokuments, das die in vielen Kulturen der Südhalbkugel rituell vorgenommene Beschneidung der weiblichen Geschlechtsorgane als Verletzung der Menschenrechte bezeichnet. Bisher hieß diese Barbarei, der sich Millionen Mädchen unterziehen müssen, schlicht "schädliche traditionelle Praxis". Mit dem neuen Wortlaut ist in der Tat ein Tabu gebrochen. Die Praxis ist gleichwohl zunächst nicht berührt.

Dieses Dokument konsensfähig zu machen, hätte es der 10 000 nicht bedurft. Eine kleinere Sonderkonferenz zum Thema Klitorektomie, zu der die wichtigsten Problem-Staaten geladen wären, hätte höchst wahrscheinlich denselben Erfolg gezeitigt.

Zu den größten globalen Problemen der Frauen gehört, was amerikanische Blätter die "Feminisierung der Armut" nennen: Immer mehr Frauen, insbesondere in der Dritten Welt, führen die Statistiken der Pauperisierung an. Ohne Erwerbstätigkeit, ohne Renten, ohne ausreichende Gesundheitsversorgung bilden sie einen weltweit wachsenden Bodensatz an echtem Elend. Die Frage ist: Was nutzt es ihnen, wenn tausende von Frauen, die das Ticket nach New York, den Computer und die Kompetenz haben, die ihnen fehlen, dieses Faktum lediglich konstatieren? Sicher ist Hillary Clintons emphatisches Eintreten für mehr Kleinkredite an die ärmsten Frauen sinnvoll. Sicher ist es auch sinnvoll, wenn Tausende, insbesondere aus der reicheren Welt, erfahren, wie es den Frauen in Bangladesch ergeht, die acht Kinder großziehen und mit Vierzig aussehen, als seien sie sechzig. In unseren Breiten stellen Frauen bereits hochkomplexe Fragen nach Macht und Psychologie, nach der Konstruktion oder Natur von Geschlechtlichkeit, während es in der Dritten Welt um Basisbedingungen des Überlebens geht.

Dennoch drängt sich auch hier der Gedanke auf, gezielte Konferenzen, mit Frauen - und Männern - aus der Industrie, aus multinationalen Konzernen und Wirtschaftsministerien könnten greifbarere Ergebnisse hervorbringen. Denn hier, am wirtschaftlichen Kern der Frauenfrage, ist Bewusstseinswandel am nötigsten. Wären die Herren - und Damen - in den Chefetagen des Westens und des Nordens der Erde besser informiert über das gewaltige produktive Potenzial an Frauen, das ihnen durch seine aktuelle Ignoranz, das Fehlen an Ausbildung und Chancen verloren geht, könnte sich womöglich mehr bewegen als durch die Statements tausender von Frauen für tausende anderer Frauen, die alle mehr oder weniger der selben Sphäre angehören. Es mag ketzerisch klingen: Aber ist, in den Zeiten von Internet und e-mail, die Epoche der Mammutkonferenzen nicht vorüber? Ist es nicht Verschwendung menschlicher Kraft und finanzieller Ressourcen, 10 000 Menschen für eine paar Tage zusammenzutrommeln?

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